Die Empörung

Neinsagen fällt schwer. … Denn es bringt Entfremdung von der Herkunftsfamilie mit sich, wenn einer in die Welt hinaus will. Illoyal zu sein, bedeutet Ächtung von den Kollegen und scharfe Gewissenbisse, wenn es darum geht, Missstände in der Firma anzuprangern. Und es bedeutet – was am schlimmsten wiegt – Verrat an den eigenen Idealen gerade dann, wenn es erforderlich wäre, frühere ideologische Überzeugungen glaubwürdig abzulegen.

Wirtschaftsjournalist Rainer Hank, aufgenommen am Donnerstag (12.01.2017) in Frankfurt am Main. Foto: Salome Roessler

Umso merkwürdiger mutet es angesichts dieses allgegenwärtigen Zwangs zur Loyalität an, dass Illoyalität derzeit wieder hoffähig zu werden scheint: als Ausdruck „zivilen Ungehorsams“ einer Gruppe Gleichgesinnter gegen Staat, Regierung, die epidemiologische Wissenschaft, die „Lügenpresse“ oder die Mainstream-Gesellschaft, die aufgerüttelt und auf den rechten und guten Weg gebracht werden müssten. …

Gerade weil der moralisierende Gesinnungsterror im tribalistischen Kollektiv sich leicht als heroische Form der Illoyalität gegenüber dem Mainstream stilisieren lässt, ist er fein zu scheiden von jenem individuellen Aufbegehren der Nonkonformität, dem wenig Heroisches anhaftet. Eine Anleitung zur Illoyalität ist das genaue Gegenteil der gängigen Empörungsrhetorik, erst recht der kontrafaktischen Tendenzen sogenannter Verschwörungstheorien.

„Es ist Zeit! Jetzt oder nie gilt es, radikal zu werden. Erheben wir uns. Rebellieren wir!“ Mit diesem Slogan wirbt das Handbuch „Wann, wenn nicht wir“ der Öko-Aktivisten Extinction Rebellion um Unterstützung und Zustimmung. Extinction Rebellion (XR) ist eine mittlerweile immer mehr Zuspruch findende Polit-Bewegung, die in England im Herbst 2018 entstanden ist. Unter anderem legte sie die Metropole London mehrere Tage lahm und gab der Innenstadt mit Straßen- und Brückenblockaden ihre eigenen Farben – das Pink der Rebellion. Ziel ist es nach eigenen Aussagen, mit Mitteln des gewaltfreien zivilen Ungehorsams auf die existenzielle Krise – das sich rasant ausbreitende Artensterben, das auch uns Menschen erfasst – aufmerksam zu machen und einen Systemwandel herbeizuführen. …

Extinction Rebellion ist eine Bewegung, die rhetorisch und moralisch aufgeladene Loyalität von ihren Unterstützern einfordert, eine totale Identifikation, die vielen Anhängern freilich nicht allzu schwer fällt, weil die Organisation in hohem Maße mit ihren eigenen persönlichen Zielen übereinstimmt. Extinction Rebellion steht im Zentrum der Erörterung, gleichsam exemplarisch, weil sich hier ein Unbedingtheitsanspruch kollektiv Ausdruck verschafft. Dieser Gestus ist ebenfalls weit verbreitet bei Fridays for Future, unter links-grünen Journalisten und Intellektuellen oder aber auch – auf der rechten Seite – bei Pegida, der „identitären Bewegung“, oder der in der Corona-Zeit entstandenen Initiative „Querdenken 711 – Wir für das Grundgesetz“, die sich für „Eigenverantwortung, Selbstbestimmung, Liebe, Freiheit, Frieden und Wahrheit“ und gegen die staatlich verordneten Freiheitseinschränkungen in Pandemiezeiten einsetzt. Alle diese Bewegungen könnten mehr oder weniger den apokalyptischen Slogan „Es ist Zeit …“ unterschreiben, der ja offenkundig inhaltlich unbestimmt ist. Bestimmt darin ist nur die Dringlichkeit des Handelns hier und jetzt. Angesichts der Lage der Welt, der Gesellschaft oder des Corona-Ausnahmezustands gelte es, „Haltung zu zeigen“, heißt es vielfach. Die richtige Moral sei gefordert – gemeint ist Gesinnung.

Die meisten dieser Empörungsbewegungen sind junge Initiativen. Viele ihrer Anführer geben zu Protokoll, sie seien in ihrem bisherigen Leben unpolitische Menschen gewesen, müssten jetzt aber das Wort ergreifen. Die gängige Protestform ist die Großdemonstration, die in vielen Fällen professionell organisiert wird mit Busunternehmen und erfahrenen Widerstandsfirmen (…).

Vorbild der Empörungspraxis ist das Zornesbuch des damals 93-jährigen Stéphane Hessel (1917 bis 2013) „Empört euch!“ aus dem Jahr 2010, dessen Inhalt sich darauf beschränkte, zum Widerstand aufzurufen, ein Bestseller, von dem binnen eines Jahres mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. In Deutschland lag das schmale Ullstein-Büchlein monatelang stapelweise an den Kassen der Bahnhofsbuchhandlungen. Die Streitschrift errang hohe Glaubwürdigkeit durch ihren Autor, der im Zweiten Weltkrieg für die Résistance gegen die deutschen Nazi-Besatzer Frankreichs gekämpft und das Konzentrationslager Buchenwald überlebt hatte. Der Gegner, dem auf riskante Weise Loyalität verweigert wurde, ist hier eindeutig fassbar: das Unrechtsregime der deutschen Nazis.

Hessels Pamphlet speist sich aus dem französisch-existenzialistischen Freiheitsgestus eines Jean-Paul Sartre und der unbegründeten Unterstellung, Finanzkapitalismus, Nationalismus oder Neoliberalismus seien mit der Naziherrschaft irgendwie strukturell vergleichbar und rechtfertigten auch heute eine Pflicht zu Illoyalität und politischem Widerstand. So jedenfalls wurde das Bekenntnis Hessels von der – inzwischen fast schon wieder in Vergessenheit geratenen – Bewegung Occupy Wall Street in den Jahren der Finanz- und Eurokrise gedeutet und als Legitimationsschrift in Anspruch genommen.

Heute richtet sich der heroische Empörungsgestus der neuen grünen oder rechten Bewegungen gegen eine gefährlich untätige Gesellschaft (sei es angesichts des Klimawan-dels, der islamistischen Bedrohung oder des staatlich unterdrückten Rechts des bürgerlichen Freiheitsgebrauchs), wenn es sein muss aber auch gegen den Kapitalismus, der die Auslöschung des Menschengeschlechts durch die Menschheit selbst erst ermöglicht haben soll. Die sozialen Netzwerke liefern quasi einen globalen Verstärker für die neue Empörungskultur, von der Stéphane Hessel noch nichts wusste. „Aktivismus ist zu einer der leichtesten Arten geworden, wie man als cool gelten kann“, sagt ein Teenager in Boston in einer Umfrage der Zeitschrift „Economist“ zur Frage, wie Jugendliche die Regeln der Nachrichten neu schreiben. Es zeigt sich: Die Herstellung von Zugehörigkeit im virtuellen Raum erfolgt über sogenannte „Memes“, Textausschnitte, Videos, Podcast-Fetzen, die im Netz kettenreaktionsartig verbreitet werden und so im Nu einer breiten Masse bekannt gemacht werden.

Halten wir fest: Die neuen Bewegungen werden durch den hohen Ton der Empörung zusammengehalten, der stets mit relativ vagen Zielen einhergeht. Irgendwie alles verfällt der Empörung, so wie in den Achtundsechziger-Zeiten die FDGO (für die, die sich nicht mehr erinnern: „die freiheitliche demokratische Grundordnung“) oder „die herrschende Gesellschaft“ als Ganze dem Verdikt verfielen, es gebe kein richtiges Leben im falschen. XR & Co. versammeln Menschen der richtigen Gesinnung um sich, verlangen Gruppenloyalität und fordern Illoyalität gegenüber einer verderbten, unbeweglichen verfassten Gesellschaft, ohne Rücksicht darauf, dass es sich um Demokratien handelt. …

„Zivil“ am „zivilen Ungehorsam“ ist nicht, dass es bei den Formen des Protestes zivilisiert zugeht, sondern, entsprechend dem englischen Wort „civil“, dass es eine „bürgerliche“ Ge-horsamsverweigerung ist den gewählten Repräsentanten gegenüber. Entstanden ist die Widerstandspraxis – zugleich auch ihre Theorie – in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Protest gegen die amerikanische Sklavenhaltergesellschaft. Der Dichter Henry David Thoreau (1817 bis 1862) vertrat die Auffassung, es sei vom Gewissen geboten, einem Staat, der Sklaverei erlaube, die Steuern vorzuenthalten. Hier zeigt sich schon der Unterschied zur heutigen Empörungsfolklore: Gefolgschaftsverweigerung einem demokratisch verfassten Staat gegenüber hat ihren Ursprung nicht in der kollektiven Gesinnungsbewegung, sondern in der Gewissensentscheidung des Einzelnen. Sie nimmt immer in Kauf, für die Folgen dieser Entscheidung in Haftung oder – im schlimmsten Fall – in Haft genommen zu werden.

Dies ist der eklatante Unterschied zwischen den heutigen Freunden des zivilen Ungehorsams und der Tradition, derer sie sich bemächtigen: Illoyalität muss glaubhaft machen, dass der Staat, dem die Gefolgschaft verweigert wird, zumindest in Teilen ein Unrechtsstaat ist. Das liegt auf der Hand, wenn es um Sklaverei geht, die nach übereinstimmendem Urteil von Recht und Vernunft den Menschenrechten und der Menschenwürde widerspricht. …

Diejenigen, die zivilen Ungehorsam üben, müssen eine klare Begrenzung ihrer Aktionen auf offenkundig ungerechte Strukturen in Staat und Gesellschaft beachten. Zwar darf auch in einer Demokratie die Mehrheit die Minderheit nicht terrorisieren. Aber genauso wenig darf eine Minderheit sich auf übergeordnete Ziele berufen und der demokratisch zur Macht gekommenen Mehrheit eines Rechtsstaates nach Gutdünken Treue verweigern. … Nicht zuletzt lebt die neue Empörungsbewegung ihrerseits von großem Loyalitätsdruck innerhalb der Protestgruppe. Während der Regierung und dem Staat – zumindest rhetorisch – die Gefolgschaft aufgekündigt wird, willigen die Protestanten in einer Art Tauschhandlung in die Zugehörigkeit zu einem neuen Stamm ein: XR, Querdenken 711 oder wie sie alle heißen. Sie dünken sich aufmüpfig und unterwerfen sich treu dem neuen Gruppenzwang.

Es liegt auf der Hand, dass die Bedingungen zum zivilen Widerstand, auf den etwa XR oder Pegida sich berufen wollen, heute nicht gegeben sind. Die Regierungen der demokratischen Staaten haben den Klimawandel nicht zu verantworten, während frühere Regierungen sehr wohl für die Sklaverei oder den Vietnamkrieg verantwortlich waren. Das ist keine Nebensächlichkeit. Der Klimawandel, so bedrohlich er ist, ist eine hochriskante Nebenfolge des technischen Fortschritts, keine böse Tat von Staaten oder Firmen. Und die Staaten versuchen – wie unzureichend auch immer – seit dem Kyoto-Protokoll von 1997 dem Klimawandel zu Leibe zu rücken. Dieses politische Handeln lässt sich als halbherzig oder attentistisch kritisieren. Aber es lässt sich beim besten Willen nicht als Ausdruck eines Unrechtsregimes qualifizieren und als Berechtigung verwenden, dagegen mit zivilem Widerstand vorzugehen. …

Es ist … kein Zufall, dass XR sowohl die Verbrechen des Hitler-Regimes bagatellisiert als zugleich den eigenen Widerstand unter Berufung auf die Tradition des Antifaschismus heroisiert. Damit wird gerade der fundamentale Unterschied zwischen dem moralischen Gewissensgebot und dem willkürlichen Tugendterror nivelliert. Dafür ist zugleich erforderlich, den Klimawandel als absichtsvolle, von Menschen gewollte Tat – wie den Genozid der Nazis – zu verfälschen, anstatt ihn als Nebenfolge des menschlichen Fortschritts nüchtern in Blick zu nehmen. Als lebten wir heute in einem auch nur annähernd vergleichbaren Unrechtsstaat. Als wäre der bürokratisch geplante Genozid der Nazis mit dem, wenn es denn so käme, Verschwinden der Menschheit durch Treibhausgase zu vergleichen.

Ähnliches ließe sich gewiss auch über die Corona-Demonstrationen des Jahres 2020 sagen, die so taten, als hätte sich Deutschland unter der Knute der Virologen zu einer autoritären Diktatur gemausert, in der die Freiheit des Einzelnen keinen Stich mehr machen dürfe. Allein die Möglichkeit großer Demonstrationen, im Zweifel mithilfe der Gerichte durchgesetzt, beweisen, dass der Rechtsstaat funktioniert.

Auszug aus Rainer Hanks Die Loyalitätsfalle Warum wir dem Ruf der Horde widerstehen müssen. Erschien 2021 im Penguin Verlag, 208 Seiten, 18,– Euro

Weil aller Journalismus konstruktiv ist

„Und was jetzt?“ Diese scheinbar unbedeutende Frage fasst den Kern des Konstruktiven Journalismus zusammen. Nicht immer nur „Was ist das Problem?“, sondern auch „Wie kann es weitergehen?“ und „Was kann besser werden?“. Genau wie konstruktive Kritik versucht Konstruktiver Journalismus, Probleme zu beheben, indem Vorschläge für Alternativen gemacht werden. International gewinnt dieses Konzept immer mehr Zuspruch. Doch wie sieht es in Deutschland aus? Wir fragten Prof. Maren Urner, Mitbegründerin von Perspective Daily.

Seit weit über einem Jahr erleben wir täglich einen Weltuntergang. Dein Buch, in dem du damit Schluss machen wolltest, kam damals zur rechten Zeit. Deine Forderung nach Konstruktivem Journalismus war in allen Medien zu hören und zu lesen. Haben die Medien im zurückliegenden Corona-Jahr einen besseren, vielleicht sogar einen guten Job hingelegt?

Solch einfache Fragen sind sehr schwierig zu beantworten, weil natürlich auch ich nur eine subjektive Wahrnehmerin eines gewissen Ausschnittes von Medien bin. Damit will ich mich nicht aus der Affäre stehlen. Ich praktiziere eine sehr ausgeklügelte Medienhygiene. Das, was ich an mich heranlasse und konsumiere, sind Formate, bei denen ich davon ausgehe und auch häufig weiß, dass sie mich gut über die Welt informieren, dass sie mich manches Mal auch herausfordern, aber dass sie keine Fake News liefern.

Prof. Maren Urner im Gespräch mit Eckard Christiani

Klar, es können sich dann und wann Fehler einschleichen. Aber insgesamt lässt sich sagen, dass ich sehr viel Tolles konsumieren durfte und darf. Ich mache das mal konkret: Der Podcast „Coronavirus-Update“ mit Christian Drosten und Sandra Ciesek machte seriöse Wissenschaftskommunikation. 

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Kein Säbelzahntiger an der Supermarktkasse

Das Multisense Institut hilft Unternehmen, die Erkenntnisse aus Neurowissenschaft, Psychologie und Sensorikforschung erfolgreich für Marken, Produkte und Kommunikation zu nutzen. Olaf Hartmann, Leiter des Instituts und Wegbereiter des multisensorischen Marketings in Deutschland, sprach mit uns über wissenschaftliche Grundlagen und Erkenntnisse. Wie identifiziert man brachliegende Potenziale, wie erarbeitet man effektive Strategien und Konzepte?

Olaf, was ist multisensorische Wahrnehmung und was hat das mit unserer Medienwelt zu tun?

Multisensorische Wahrnehmung ist im Wortsinne die menschliche Wahrnehmung, die sich aus mehreren Sinnen speist. Der Mensch ist – und wird es auch immer bleiben – ein multisensorisches Wesen. Er bezieht seine Informationen aus der Welt mit unterschiedlichen Sinnen und verbindet diese miteinander. Warum tut er das? Weil er so eine präzisere Abbildung der Wirklichkeit erhält. Dabei geht es ihm nicht um Wahrheit, sondern um Wirksamkeit in der Welt. Er verbindet die Sinneswahrnehmungen aus unterschiedlichen Kanälen und schafft sich so die Grundlage für ein besseres Urteil über die Welt, das sein Handeln erleichtert. 

Olaf Hartmann ist einer der Wegbereiter des multisensorischen Marketings in Deutschland. Als inspirierender Keynote-Speaker, Bestseller-Autor und Berater verweist er auf überzeugende Beispiele aus Forschung und Praxis.

Jeder Sinneskanal für sich beinhaltet Rauschen und hat blinde Flecken. Wenn man aber beispielsweise den Sehsinn mit dem Hörsinn kombiniert, hat man schon ein präziseres Abbild von der Welt. Der Sehsinn kombiniert mit dem Tastsinn schafft ein noch präziseres Abbild. Der Tastsinn ist dabei der einzige Sinn, mit dem wir die Welt berühren und im Wortsinne begreifen können. Mit dem Tastsinn können wir die Welt sogar manipulieren. Das Verb manipulieren geht auf das französische manipuler, „etwas mit der Hand bearbeiten“, zurück. Es ist aus dem lateinischen manipulus, „Handvoll, Bündel“, entlehnt, einer Bildung zum lateinischen manus, „Hand“, und dem Verb plere, „füllen“. 

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Die passenden Codes der Kommunikation

Die Mehrzahl aller Entscheidungen treffen Menschen nicht rational, sondern „aus dem Bauch heraus“. Das betrifft auch unseren Konsum, unseren Umgang mit Produkten und Marken. Wie aber geht Empathie im Marken-Design? Welche Möglichkeiten Brands haben, um in unterschiedlichen Situationen auf die individuellen Wünsche ihrer Kunden einzugehen, darüber sprachen wir mit Norbert Möller, Executive Creative Director der Peter Schmidt Group in Hamburg. 

Norbert, du bist Designer und arbeitest in einer der größten Agenturen  in Hamburg. Das wirkt – von außen betrachtet – erst mal recht schillernd. Was machst du den ganzen Tag?

Ich könnte mit dem Titel dieses Buches antworten: Ich beschäftige mich mit der Frage, wie wir uns morgen unterhalten lassen und informieren wollen. Es ist ja so: Beides geht nicht im Monolog. Zum Unterhalten und Informieren braucht es immer jemand Zweiten – etwa aus dem Freundeskreis oder der Familie. Vielleicht ist es auch jemand ganz Fremdes, dem wir Kompetenz zutrauen. Oder auch ein Produkt, eine Marke. Eine Zeitschrift zum Beispiel oder ein Museum. Selbst ein Impulskauf an der Supermarktkasse kann uns unterhalten. 

Norbert Möller, 57, ist seit 2003 Executive Creative Director der Peter Schmidt Group und leitet deren Corporate Design Team am Standort Hamburg. Er studierte Visuelle Kommunikation an der HfBK Braunschweig. Er ist Design-Kolumnist der w&v und der Passion.

In allen Fällen gilt für mich als Konsument*in: Das Angebot ist groß, der Gelbeutel klein und die Zeit knapp. Ich werde mich entscheiden müssen. Wir Menschen treffen diese Entscheidung aufgrund einer Erwartung, die wir in unserem Kopf haben. Als Designer beschäftige ich mich damit, Produkte und Marken so zu gestalten, dass die Kundin oder der Kunde schnell erfassen kann, ob dieses Angebot für sie oder ihn passen könnte. Wir versuchen, das Wesen einer Marke möglichst plakativ darzustellen und damit die Entscheidung zu erleichtern. Ganz wichtig ist dabei, dass wir immer authentisch bleiben: Wir verführen – wir täuschen nicht. 

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Der Anfang vom Ende unserer Endlichkeit

Was geschieht mit den Daten in den sozialen Netzwerken? Was passiert mit unseren Daten bei Google? Taugen diese Daten eventuell sogar, um uns später wieder digital entstehen zu lassen? Was soll von uns bleiben, wenn der biologische Körper gestorben ist? Wir fragten Kult-Regisseur Moritz Riesewieck, wie es um unsere digitale Unsterblichkeit bestellt ist.

Herr Riesewieck beschäftigen sich mit Themen, die die Nutzung von Social Media in ein ungewohntes, ungedachtes Licht rückt. Ihr Film The Cleaners von 2018 ist ein prominentes Beispiel dafür. Worum ging es da?

Moritz Riesewieck ist ein deutscher Theater- und Filmregisseur, sowie ein Drehbuch- und Sachbuchautor, außerdem Gründungsmitglied der Künstlergruppe Compagnie Laokoon.

Sowohl Hans als auch ich haben uns während des Schauspiel-Regiestudiums fürs Hier und Jetzt interessiert und Ausschau nach Themen gehalten, die interessant für dokumentarische Arbeiten sein könnten. Wir wollten damals noch das Dokumentarische mit dem Schauspiel kreuzen. Es ist auch schon länger unser Anliegen, Ausdrucks- und Erzählformen für das Digitale zu finden, weil wir den Eindruck hatten, dass sich viele nicht an diese Thematik herantrauen – es sei denn, sie haben ein Informatikstudium hinter sich. 


The Cleaners – Im Schatten der Netzwelt
(2018)
Der Film enthüllt eine gigantische Schattenindustrie digitaler Zensur in Manila, dem weltweit größten Outsourcing-Standort für Content Moderation. Genre: 
Documentary
Dauer: 1 Stunde 28 Minuten
Untertitel: Deutsch

Letztlich stecken hinter jedem Algorithmus, hinter jedem digitalen Device menschliche Entscheidungen oder irgendwelche Ideologien. Von Menschen für Menschen gemacht. Schon deshalb lohnt es, sich damit zu beschäftigen und nach Erzählformen zu fahnden. Es musste ein Thema her. Anfang 2016 war uns dann etwas aufgefallen: Wie kommt es eigentlich, dass wir auf Social-Media-Seiten im Netz mit Pornografie, mit Gewaltverherrlichung oder anderen verstörenden Inhalten vergleichsweise wenig behelligt werden, während gleichzeitig so viel Content stündlich, minütlich, sekündlich hochgeladen wird? Man muss annehmen, dass zwischen Hochladen und Medienkonsum irgendetwas passiert. Können Algorithmen solche Inhalte vollautomatisch erkennen und selbstständig löschen? Oder stecken da Menschen dahinter? Nach einer Onlinerecherche stießen wir auf eine Studie einer US-amerikanischen Medienwissenschaftlerin, die sich mit Content Moderation für Microsoft in den USA beschäftigte. Sie nahm an, dass ein Großteil dieser Arbeit in Schwellenländer, vor allem auf die Philippinen, outgesourct wird. Sie hatte allerdings keine Möglichkeiten, das vor Ort selbst zu recherchieren.

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Die Öffentlichkeit ist unser Druckmittel

Heute ist Internationaler Tag der Pressefreiheit. Mit diesem Tag wird seit 1994 jährlich am 3. Mai auf Verletzungen der Pressefreiheit sowie auf die grundlegende Bedeutung freier Berichterstattung für die Existenz von Demokratien aufmerksam gemacht. Wir haben Christian Mihr, den Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen getroffen und ihn um eine aktuelle Einschätzung gebeten.

Herr Mihr, Haltung zu zeigen und seine Meinung zu sagen, wird zunehmend schwieriger. Wir leben in Zeiten von Besorgnisdemonstrationen und Cancel Culture. Journalist*innen haben auch in Deutschland vermehrt mit tätlichen Übergriffen zu tun. Beunruhigt Sie die aktuelle Entwicklung?

Wenn wir in Deutschland jammern, dann jammern wir auf hohem Niveau. Man neigt ja oft dazu, zu denken – wenn man vor seine eigene Haustür schaut –, alles sei schlimm. Damit möchte ich das, was vor unserer Haustür passiert, nicht relativieren, aber es hilft immer, einen globalen Blick einzunehmen. Reporter ohne Grenzen ist eine weltweit tätige Organisation. Wir sehen in unserer Rangliste der Pressefreiheit, die wir jedes Jahr unter anderem anhand von Befragungen von Hunderten Journalist*innen, Wissenschaftler*innen, Jurist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen weltweit sowie unserem eigenen Korrespondentennetzwerk erstellen, eine weltweite Verschlechterung der Pressefreiheit – gerade auch in Demokratien wie den USA oder den EU-Ländern Ungarn und Polen. Das ist etwas, das wir mit Sorge betrachten.

Christian Mihr ist Journalist, Menschenrechtsaktivist und Experte für internationale Medienpolitik. Seit 2012 ist er Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen.
Im Deutschen Bundestag war er bereits Sachverständiger in verschiedenen Ausschüssen wie zum Beispiel „Digitale Agenda“, „Kultur und Medien“ sowie „Recht und Verbraucherschutz“.
Foto: Michael Jungblut, fotoetage

Aber wenn wir mal konkret nach Deutschland schauen, dann ist diese Entwicklung seit 2013 mit dem Entstehen der AfD und seit 2015 mit dem Aufkommen von Pegida zu beobachten. Wir stellen eine Zunahme von offener, auch physischer Gewalt gegen Journalist*innen in Deutschland fest.  Auf Kundgebungen von Pegida und der AfD sowie neonazistischen Kundgebungen, alle zunächst mit Schwerpunkten in Sachsen und Nordrhein-Westfalen, hat sich die Situation verschärft.  

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Was wäre, wenn wir lernen, die Zukunft selber zu gestalten?

Durch den Einsatz strategischer Zukunftssimulationen als online und offline Workshop werden Innovationen, Produkte und Strategien resilienter und zukunftsfähiger. The Future Game 2050 nutzt dazu Zielbilder und Zukunftspersonas – basierend auf Zukunftsforschung, Trends und Science-Fiction-Story-telling –, um Zukünfte zu simulieren, zu ergründen und aktiv zu gestalten. Doch wie funktioniert das genau? Wie sieht zum Beispiel Zusammenarbeit in Zukunft aus? Wir trafen Friederike Riemer aka „Frida Futura“ vor dem Futurium, dem Haus der Zukünfte in Berlin, und wollten es genau wissen.

Friederike, womit beschäftigst du dich konkret?

Ich bin Zukunftsforscherin und beschäftige mich mit Visionen, zum Beispiel wie wir künftig zusammen arbeiten könnten. Wir haben eine extrem unsichere Zukunft, die wir nicht konkret voraussehen können. Da können wir uns mit Trendanalysen noch so anstrengen, die Unsicherheit wird bleiben. Um aber zusammen erfolgreich zu arbeiten, brauchen wir gemeinsam ein Ziel, auf das wir zusteuern können. Diese beiden Pole – Unsicherheit und Ziel – muss man miteinander verheiraten. In genau diesem Spielfeld bewege ich mich: Trotz Unsicherheit als Team oder Unternehmen handlungsfähig zu bleiben. Das ist mein Thema.

Dazu gibt es viele verschiedene, auch technisch unterschiedliche Ansätze, wie man einen solchen Prozess gestalten kann. 

Wie sieht das konkret aus?

Wenn wir Menschen nach ihrer Zukunft befragen – Zukunft der Arbeit oder Zukunft in ihrer Organisation – stellen wir fest, dass selbst Topmanager, von denen wir dachten, dass sie sofort vor Ideen nur so sprudeln und leadership übernehmen, blanc sind. Das hat uns erschrocken. 

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Zusammen!

Amanda Gorman wurde für ihren Auftritt bei der Amtseinführung von Joe Biden weltweit gefeiert. Ihr Buch The hill we climb ist nun auf deutsch erschienen mit dem Titel Den Hügel hinauf. Das WIR im Titel schien nebensächlich, beobachtete unlängst der Kabarettist Christoph Sieber. Es drohe uns etwas verloren zu gehen, das wirklich elementar sei: das WIR. Der Mensch sei in erster Linie Konsument und User, Geiz sei geil und wer zuerst komme, mahle halt auch zuerst.

Das Kundenmagazin Passion von BerlinDruck thematisiert das ZUSAMMEN. Ein Mut machendes Heft über „Zusammen“. Sehr inspirierende Gespräche und Beiträge von und mit Norbert Moeller, Terra-X-Mann Dirk Steffens, „Frida Futura“ Friederike Riemer, „Mr. Media“ Thomas Koch, der Grafikerin Katja Hübner, dem ZEIT-Korrespondenten Ijoma Mangold, den Kultregisseuren Hans Block und Moritz Riesewieck, dem wunderbaren Bertolt Brecht und dem Schriftsteller Mirko Bonné. Danke auch an Michael Jungblut für wieder einmal tolle Bildstrecken und Julia Ochsenhirt für ihre unvergleichlichen Illustrationen!

Wir wollen Orientierung bieten

EDITION Integralis Herr Christiani, Sie sind nicht nur als Journalist, Kommunikationsberater und Grafikdesigner tätig, Sie beschäftigen sich auch intensiv mit zielgruppengerechtem und redaktionell hochwertigen Corporate Publishing. Aktuell hervorzuheben wäre die Passion, das Themen- und Peoplemagazin von BerlinDruck. Wie sind Sie nun auf die Idee gekommen, gleich eine ganze Buchreihe mit Zukunftsthemen zu starten?

Eckard Christiani Ob Klima- und Biodiversitätskrise oder der aufkommende Rechtspopulismus in vielen Ländern: Diese und andere Problemfelder drängen sich seit einiger Zeit schon in den Fokus. Aber die Coronapandemie hat uns alle vor mehr als einem Jahr im tagtäglichen Run ausgebremst und gezwungen, grundsätzlicher darüber nachzudenken, ob die Art und Weise, wie wir es gewohnt sind zu leben, die richtige ist. Sind wir als Menschheit gut vorbereitet auf die Auswirkungen der Erderwärmung, der digitalen Transformation und der Medienkonzentration? Und passen wir auch gut auf uns selber auf? Haben wir genügend Bewegung, ernähren wir uns vollwertig und gesund, nutzen wir unsere freie Zeit richtig?

Die Ausgaben 2021 – Ernährung, Medien, Umwelt und Wohnen

Jede persönliche Prüfung braucht Orientierung und Grundlagen für gedankliche Experimente. Meine Idee war, in der Buchreihe morgen – wie wir leben wollen ausschließlich Spezialist*innen zu Wort kommen zu lassen, die zu den jeweiligen Zukunftsthemen etwas beizutragen haben. Die erste Staffel beinhaltet persönliche Themen wie Ernährung, Gesundheit und Bewegung, Umweltthemen wie Gartenbau/Landwirtschaft und Nachhaltigkeit oder beispielsweise gesellschaftliche Themen wie Digitalisierung, Mobilität und Erziehung. Die Buchreihe zeigt also viele Aspekte unseres Lebens und Ideen für neues Denken auf, wagt Perspektivenwechsel und verwebt alle Einzelthemen zu einem Zukunftskosmos.  

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Der Begriff der Konsensgesellschaft ist einer, vor dem ich eher wegrenne.

Herr Mangold, Ihr letzter Titel passt sehr gut in die Zeit – Der innere Stammtisch. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen inneren Stammtisch zu gründen? Oder ist das ein Mitbringsel aus Ihrer Geburtsstadt Heidelberg?

Natürlich habe ich Erinnerungen, wie in ländlichen Regionen der alten Bundesrepublik das Prinzip Stammtisch funktionierte. Als Kind war ich sehr beeindruckt, denn ich hatte das Gefühl, dort am Tisch sitzen die Dorfmächtigen, gegen die man besser keine dicke Lippe riskiert. In der kleinen Gemeinde Dossenheim an der Badischen Bergstraße, in der ich aufgewachsen bin, stand da ein großer Messingaschenbecher mit so einem Bügel drüber, auf dem
stand „Do hogge die, die immer du hogge“. Das erschien mir als Kind eine Sehnsuchtsvorstellung zu sein, zu denen dazu zu gehören, die immer du hogge. Natürlich wandelt sich das schnell und man möchte genau das Gegenteil, aber ich habe schon eine empirische, eine soziologische Erinnerung an den Stammtisch.

Und wie funktioniert der innere Stammtisch?

Da geht es um einen Aspekt, den es beim äußeren Stammtisch vermutlich gar nicht gibt: Der äußere Stammtisch arbeitet prinzipiell eher daran, über sozialen Druck eine soziale Einheit oder Meinungseinheit herzustellen. Er wird kein Ort von starker Abweichung sein, würde ich vermuten.

Ijoma Mangold, ZEIT, Kulturkorrespondent Ressort Feuilleton, Litarturkritiker, Autor

Der innere Stammtisch hingegen zeichnet sich eher durch eine große Widersprüchlichkeit aus. Mir ging irgendwann auf, dass die Art, wie ich nach außen kommuniziere und die Art, wie ich mit mir selber spreche – der innere Stammtisch ist ja eine Art innerer Monolog – sich komplett voneinander unterscheiden. Es gibt so eine Art Zensurschranke, und das ist auch gut und schön. Nach außen tritt eine durch ein klares Weltbild umrissene Gedankenarchitektur, die so tut, als wäre sie das Ergebnis klaren, vernünftigen Nachdenkens. Wenn ich aber in mich hineinhorche, weiß ich, dass das völlig anders ist. Da sind immer Ressentiments, Affekte, Emotionen dabei, Meinungen zu produzieren. Meine Ansichten – also das, was mir durch die Birne rauscht – sind viel vielgestaltiger, bevor sie nach außen treten und mein Außenimage bilden. Denn da bemühe ich mich um Kohärenz. Im inneren Monolog natürlich nicht. Da bin ich in einem Moment dieser Meinung, im nächsten jener. 

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