Kategorie: journalismus (Seite 1 von 2)

Man überlebt, indem man sich zusammentut

Wie funktionieren Meinungsmache, Manipulation, Irreführung? Der streitbare Publizist und Politiker Albrecht Müller hat uns spannende Einblicke in die Materie gewährt. Wenn es um Meinungsmache geht, weiß Müller, wovon er redet. Jahrelang hatte er selbst montags in der Lagebesprechung im Bundeskanzleramt die „Sprachregelung“ der Regierung mitbestimmt. Also mitentschieden, was der Regierungssprecher von Willy Brandt und später von Helmut Schmidt der Öffentlichkeit erzählt – und mit welchen Formulierungen er dies tut.

Als Wahlkampfstratege und später als Chef des Planungsamtes hat Müller Begriffe ersonnen, die eine Wertung in sich tragen. „Versöhnungspolitik“ ist so ein Begriff, der im Wahlkampf in den 1960er-Jahren dem späteren Friedensnobelpreisträger Willy Brandt geholfen hat.

Willy Brandt im Gespräch mit Albrecht Müller (Foto: Joseph Heinrich Darchinger)

Unwillkürlich erinnert man sich an Brandt, wie er bei seiner ersten Regierungserklärung 1969 ankündigt, „mehr Demokratie wagen“ zu wollen. Müller vermittelte uns die vielfältigen Methoden, wie Meinung zu machen ist.

Herr Müller, wie haben sich die Medien in den letzten fünfzig Jahren verändert?

Die gravierendste Veränderung war 1984 mit der Öffnung für kommerzielle Medien und der Schaffung von wesentlich mehr Fernsehprogrammen durch Kabel- und Satellitenübertragung. Das hatte ein langes Vorspiel. Wir hatten damals Helmut Schmidt davon überzeugt, darüber nachzudenken, wie eine Gesellschaft aussähe, die dreißig Fernsehprogramme zur Auswahl hätte, und wie es sich auswirken würde, wenn die Fernsehdauer ansteigen würde.

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Wenn nicht mehr gefrühstückt wird, ist das schlecht für die Zeitung

Herr Kaube, der freie Journalismus kämpft gerade an drei Fronten. Die Abkehr der jüngeren Generation vom Qualitätsjournalismus, Angriffe auf die Pressefreiheit weltweit und das Sterben des Geschäftsmodells, sich über Werbeeinnahmen zu finanzieren. Woraus ziehen Sie als Herausgeber einer der wichtigsten deutschen Tageszeitungen Ihre Motivation und auch Genugtuung?

Na ja, aus dem Kampf selber. Alle drei Herausforderungen sind interessante Aufgaben, die vielleicht ein bisschen miteinander zu tun haben, aber nicht strikt gekoppelt sind. Wenn wir einmal mit der jungen Generation anfangen, die eine Tageszeitung angeblich nicht mehr liest: 16-Jährige waren noch nie zentrale Abonnent*innen der FAZ. Für junge Leser*innen ist es wichtig, dass man auch die Redaktionen jung hält, damit man nicht übersieht, wofür sich junge Leute interessieren. Man sieht aber an der Konkurrenz, dass das nicht einfach ist. „Bento“ (das junge Magazin vom „Spiegel“, Anm. der Red.) beispielsweise wird runtergefahren. Es ist nicht einfach, durch Jugendlichkeit junge Leute anzuziehen. Das ist vielleicht auch ein Fehlschluss.

Dann wären wir beim zweiten Thema: Pressefreiheit und Fake News. Da bin ich eigentlich ganz gelassen. Man sollte sich da nicht verrückt machen lassen. Wir versuchen das mehr mit Durchdenken der Dinge. Klar, man verliert den einen oder anderen, der einem wütende Leserbriefe schreibt, man sei Vasall der Regierung Merkel … Gut, wer so denkt, ist eh falsch bei uns. Unsere Zeitung ist meinungsplural: Das, was der Politikteil sagt, was das Feuilleton sagt, was der Wirtschaftsteil sagt, wird nicht aufeinander abgestimmt. Ich erfahre, was die politischen Redakteur*innen schreiben, auch erst aus der Zeitung. 

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Alles bleibt, wie es immer war

Hannah Arendt schrieb’s schon vor 70 Jahren den Deutschen ins Stammbuch:

„Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt jedoch in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen. Beispielsweise kommt als Antwort auf die Frage, wer den Krieg begonnen habe – ein keineswegs heiß umstrittenes Thema -, eine überraschende Vielfalt von Meinungen zutage. In Süddeutschland erzählte mir eine Frau von ansonsten durchschnittlicher Intelligenz, die Russen hätten mit einem Angriff auf Danzig den Krieg begonnen – das ist nur das gröbste von vielen Beispielen.

Hannah Arendt

Doch die Verwandlung von Tatsachen in Meinungen ist nicht allein auf die Kriegsfrage beschränkt; auf allen Gebieten gibt es unter dem Vorwand, daß jeder das Recht auf eine eigene Meinung habe, eine Art Gentlemen’s Agreement, dem zufolge jeder das Recht auf Unwissenheit besitzt – und dahinter verbirgt sich die stillschweigende Annahme, daß es auf Tatsachen nun wirklich nicht ankommt.

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Wenn Dinge ganz einfach ganz anders funktionieren

Ein wissenschaftlicher Indikator, mit dem sich messen lässt, wie sich das Leben, das ein jeder Mensch führt, auf den Planeten Erde auswirkt, ist der ökologische Fußabdruck. Er rechnet in Hektar um, was ein Mensch an Natur verkonsumiert und vergleicht dies mit der Fläche, welche die Natur zur Verfügung hat, um diesen Konsum wieder auszugleichen. Dann kann nachwachsen, was geerntet wurde, oder sich die Natur einfach erholen. Der ökologische Fußabdruck wendet diese Regel, erweitert um jene Faktoren, die unsere Welt komplexer machen, auf den kompletten Planeten und die Menscheit als Ganzes an. 

Seit Mitte der Siebzigerjahre liegt der ökologische Fußabdruck der Menschheit außerhalb dessen, was die Erde hergibt. Jedes Jahr wandert der Tag, an dem wir bereits verbraucht haben, was für das ganze Jahr reichen sollte, im Kalender weiter nach vorn. Für Deutschland allein lag der sog. Overshoot Day, der Übernutzungstag, 2020 schon beim 3. Mai.



Overshoot days nach Ländern 2020
Quelle: Global Footprint Network, National Footprint and Biocapacity Accounts 2019

Die Klimakrise und die Coronakrise zeigen dem Mensch seine Grenzen auf. Das Bedürfnis nach Antworten auf Fragen zu nachhaltigem Konsum wächst – man will wissen, wie’s geht.  Wir haben uns für die sechste Ausgabe der Passion, dem Kundenmagazin von BerlinDruck, mit der Autorin des gerade erschienenen „Konsumkompass“, Katarina Schickling, darüber unterhalten, welche Auswirkungen der Lockdown auf die Gesellschaft hat und ob nicht gerade jetzt die Chance auf ein nachhaltigeres Leben wächst.

Eckard Christiani im Gespräch mit Katarina Schickling
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We are watching you

Vor einem knappen Jahr haben wir für die Passion #3 mit Gabor Steingart über ein sehr interessantes Projekt gesprochen, das jetzt Realität geworden ist: das erste Redaktionsschiff der Welt, die Pioneer One.

Steingart dazu: „Ich bin Berliner, und mir ist tatsächlich irgendwann aufgefallen, dass wir hier doch sehr viel Wasser haben. Ich war in vielen großen Hauptstädten. Wir sehen die Seine in Paris oder den Potomac in Washington, der auch Regierungsgebäude berührt. Aber nirgendwo sind die Regierungsgebäude über den Wasserweg auf so kurzer Distanz derart vernetzt und verbunden wie hier. Und da dachte ich, dass ein Schiff für unser Thema, für mein Anliegen das Beste wäre.

Wir wären dicht dabei, aber wir gehörten nicht dazu. Wir wären immer in Bewegung, nicht erstarrt. Das ist eine tolle Metapher. We are watching you. Und gleichzeitig – ganz praktisch – ist es ein Ort konzentrierter Arbeit – für eine Redaktion, aber auch für Gäste, für Interviews. Für ein Zusammenkommen mit Lesern, Zuhörern und später auch Zuschauern ist ein Schiff eine tolle Location, würde man heute sagen. Für mich ist die ‚Pioneer One‘ – so heißt das Schiff – eher eine schwimmende Bühne für den Journalismus einer neuen Zeit.“

Nun ist „Pioneer One“ vom Stapel gelaufen und auf dem Weg nach Berlin. Eins der ersten Interviews auf dem Redaktionsschiff führte Gabor Steingart in Düsseldorf mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet.

https://www.facebook.com/ThePioneerOne/videos/326092768375464/
Interview auf dem Redaktionsschiff „Pioneer One“ mit Armin Laschet

Wir wünschen der „Pioneer One“ und ihrer Besatzung allzeit gute Fahrt und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel. 

Nguyen-Kim zeigt, wie Wissenschaftsjournalismus geht

In der Passion-Ausgabe #4 hat die promovierte Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim gezeigt, wie man auf unterhaltsame Weise scheinbar langweilige Themen für Jedermann aufbereiten kann. In diesem Jahr ist die YouTuberin und Fernsehmoderatorin (Terra X, Quarks) nun endgültig zum Medienstar aufgestiegen. Niemand erklärt verständlicher und einleuchtender wie sie, womit wir es in der Coronakrise zu tun haben.

Mai Thi Nguyen-Kim in der Passion #4

Hier noch einmal eine Kostprobe der Grimme-Preisträgerin Nguyen-Kim aus der Passion-Ausgabe „Bindung“

Betrunken vor Liebe

Ich finde den Spruch „die Chemie stimmt“ interessant, denn es ist der mit Abstand positivste Gebrauch von „Chemie“ in unserer Alltagssprache. Die Chemie der Liebe! Ich weiß nicht, was Nichtchemiker denken, wenn sie diesen Satz benutzen, ich denke bei Liebe durchaus an Chemie – und an Wissenschaft. Ist das jetzt unromantisch? Ich weiß nicht. Ich finde nicht, dass eine wissenschaftliche Betrachtung der Welt ihr den Zauber nimmt. 

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„Herr Müller, ist das, was wir glauben zu wissen, das was ist?“

Wir trafen den ehemaligen Planungschef im Kanzleramt und Wahlkampfstrategen Albrecht Müller zu einem Interview im Cafe der Akademie der Künste am Pariser Platz. Sein Bestseller „Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst“ klärt auf, macht Mut und erzieht zur Aufmerksamkeit. Seine kritische Website Nachdenkseiten, einer der meistgelesenen politischen Blogs in Deutschland, betreibt er seit 2003.

Im Gespräch mit Albrecht Müller

Wir haben einiges Interessantes über den Wahlkampf „Willy wählen“, die heutige Medienwelt und politische Beeinflussung gelernt. In einer späteren Ausgabe der Passion zum Thema Wissen dann das ganze Gespräch … Spoiler: Das wird spannend 😉

All diese Schönheit einer Zunft

Wir trafen Ranga Yogeshwar im Futurium, um mit ihm über Künstliche Intelligenz zu sprechen. Wo stehen wir, was kommt auf uns zu. Kann uns Werbern und Marketingstrategen die KI helfen oder wird sie uns gefährlich?

Im Gespräch mit Ranga Yogeshwar

Wir leben in einer mehr und mehr digitalen Welt, wo reales Erleben und das Begreifen von impliziten Werten in den Hintergrund geraten. Auch Kommunikation ist vermehrt digital. Dem haptischen Erleben, ein Magazin, eine hochwertige Broschüre oder einen Bildband in der Hand zu halten, wird weniger Wert zugemessen. Dazu erzählte uns Ranga Yogeshwar, dass seine Großmutter eine Druckerei in Luxemburg betrieb: „Dort habe ich als Jugendlicher gearbeitet. Den Heidelberger Tiegel kann ich bedienen – ich weiß wie’s geht. Ich weiß, was HKS 42 ist. All diese Schönheit einer Zunft – der Geruch der Farben, der Klang des Papiers – ist eine Welt, die sehr viel Intelligenz beinhaltet. Und nur weil das auf den ersten Blick auch digital funktioniert, fehlt doch etwas.“ – Das ganze Gespräch in einer der nächsten Ausgaben von Passion, dem Kundenmagazin von BerlinDruck.

Das ist Storytelling!

Inzwischen erscheint die fünfte Ausgabe der Passion, dem Kundenmagazin von BerlinDruck. Ein Heft von Interesse, denn Passion #5 beschäftigt sich mit dem Thema Verantwortung.

Wie lesen wir im Editorial? Die Sache mit der Verantwortung ist gar nicht so einfach! Manchmal hat man sie und will sie nicht, manchmal will man sie, bekommt sie aber nicht. Verantwortung hat eine ganze Menge mit Motivation zu tun. Verantwortung bedeutet Pflicht und Aufgabe. Jeder hat Verantwortung für sich selbst, für seine Gesundheit, sein Wohlergehen, seine eigene persönliche und spirituelle Entwicklung.

Wir haben aber auch Verantwortung in dem, was wir tun, im Umgang mit anderen Menschen, mit Benachteiligten, der Gesellschaft als Ganzem, mit der Natur, ja, gegenüber der ganzen Welt.

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Der „Quatsch“ ist eben leider sehr, sehr ernste Realität geworden

Bei meinen Recherchen zum Thema Klimakrise für die Passion #5 (Thema Verantwortung) bin ich auf eine Sendung gestoßen, die mich tief beeindruckt hat. Hoimar v. Ditfurth hat gemeinsam mit Volker Arzt schon 1978 in der ZDF-Sendung „Querschnitt“ – „Der Ast, auf dem wir sitzen“ – alle Zusammenhänge rund um Erderwärmung brillant aufgezeigt. Ich traf mich mit TV-Legende Volker Arzt am 2. Advent zum Frühstück in einem kleinen Café Nähe Potsdamer Straße zu einem Gespräch.

Eckard Christiani mit Volker Arzt

Herr Arzt, wie kommt man als Theoretischer Physiker ins Fernsehen?

Kleine Filmchen drehen war schon immer mein Hobby. Aber eigentlich wollte ich nach dem Diplom gar nicht zum Fernsehen, sondern wollte Spielfilme machen. So wie Alexander Kluge zum Beispiel. Aber der hat gesagt: Ich habe gerade kein Geld, geh erst mal zum Fernsehen. Und dann bin ich da hängen geblieben.   

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