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Die Empörung

Neinsagen fällt schwer. … Denn es bringt Entfremdung von der Herkunftsfamilie mit sich, wenn einer in die Welt hinaus will. Illoyal zu sein, bedeutet Ächtung von den Kollegen und scharfe Gewissenbisse, wenn es darum geht, Missstände in der Firma anzuprangern. Und es bedeutet – was am schlimmsten wiegt – Verrat an den eigenen Idealen gerade dann, wenn es erforderlich wäre, frühere ideologische Überzeugungen glaubwürdig abzulegen.

Wirtschaftsjournalist Rainer Hank, aufgenommen am Donnerstag (12.01.2017) in Frankfurt am Main. Foto: Salome Roessler

Umso merkwürdiger mutet es angesichts dieses allgegenwärtigen Zwangs zur Loyalität an, dass Illoyalität derzeit wieder hoffähig zu werden scheint: als Ausdruck „zivilen Ungehorsams“ einer Gruppe Gleichgesinnter gegen Staat, Regierung, die epidemiologische Wissenschaft, die „Lügenpresse“ oder die Mainstream-Gesellschaft, die aufgerüttelt und auf den rechten und guten Weg gebracht werden müssten. …

Gerade weil der moralisierende Gesinnungsterror im tribalistischen Kollektiv sich leicht als heroische Form der Illoyalität gegenüber dem Mainstream stilisieren lässt, ist er fein zu scheiden von jenem individuellen Aufbegehren der Nonkonformität, dem wenig Heroisches anhaftet. Eine Anleitung zur Illoyalität ist das genaue Gegenteil der gängigen Empörungsrhetorik, erst recht der kontrafaktischen Tendenzen sogenannter Verschwörungstheorien.

„Es ist Zeit! Jetzt oder nie gilt es, radikal zu werden. Erheben wir uns. Rebellieren wir!“ Mit diesem Slogan wirbt das Handbuch „Wann, wenn nicht wir“ der Öko-Aktivisten Extinction Rebellion um Unterstützung und Zustimmung. Extinction Rebellion (XR) ist eine mittlerweile immer mehr Zuspruch findende Polit-Bewegung, die in England im Herbst 2018 entstanden ist. Unter anderem legte sie die Metropole London mehrere Tage lahm und gab der Innenstadt mit Straßen- und Brückenblockaden ihre eigenen Farben – das Pink der Rebellion. Ziel ist es nach eigenen Aussagen, mit Mitteln des gewaltfreien zivilen Ungehorsams auf die existenzielle Krise – das sich rasant ausbreitende Artensterben, das auch uns Menschen erfasst – aufmerksam zu machen und einen Systemwandel herbeizuführen. …

Extinction Rebellion ist eine Bewegung, die rhetorisch und moralisch aufgeladene Loyalität von ihren Unterstützern einfordert, eine totale Identifikation, die vielen Anhängern freilich nicht allzu schwer fällt, weil die Organisation in hohem Maße mit ihren eigenen persönlichen Zielen übereinstimmt. Extinction Rebellion steht im Zentrum der Erörterung, gleichsam exemplarisch, weil sich hier ein Unbedingtheitsanspruch kollektiv Ausdruck verschafft. Dieser Gestus ist ebenfalls weit verbreitet bei Fridays for Future, unter links-grünen Journalisten und Intellektuellen oder aber auch – auf der rechten Seite – bei Pegida, der „identitären Bewegung“, oder der in der Corona-Zeit entstandenen Initiative „Querdenken 711 – Wir für das Grundgesetz“, die sich für „Eigenverantwortung, Selbstbestimmung, Liebe, Freiheit, Frieden und Wahrheit“ und gegen die staatlich verordneten Freiheitseinschränkungen in Pandemiezeiten einsetzt. Alle diese Bewegungen könnten mehr oder weniger den apokalyptischen Slogan „Es ist Zeit …“ unterschreiben, der ja offenkundig inhaltlich unbestimmt ist. Bestimmt darin ist nur die Dringlichkeit des Handelns hier und jetzt. Angesichts der Lage der Welt, der Gesellschaft oder des Corona-Ausnahmezustands gelte es, „Haltung zu zeigen“, heißt es vielfach. Die richtige Moral sei gefordert – gemeint ist Gesinnung.

Die meisten dieser Empörungsbewegungen sind junge Initiativen. Viele ihrer Anführer geben zu Protokoll, sie seien in ihrem bisherigen Leben unpolitische Menschen gewesen, müssten jetzt aber das Wort ergreifen. Die gängige Protestform ist die Großdemonstration, die in vielen Fällen professionell organisiert wird mit Busunternehmen und erfahrenen Widerstandsfirmen (…).

Vorbild der Empörungspraxis ist das Zornesbuch des damals 93-jährigen Stéphane Hessel (1917 bis 2013) „Empört euch!“ aus dem Jahr 2010, dessen Inhalt sich darauf beschränkte, zum Widerstand aufzurufen, ein Bestseller, von dem binnen eines Jahres mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. In Deutschland lag das schmale Ullstein-Büchlein monatelang stapelweise an den Kassen der Bahnhofsbuchhandlungen. Die Streitschrift errang hohe Glaubwürdigkeit durch ihren Autor, der im Zweiten Weltkrieg für die Résistance gegen die deutschen Nazi-Besatzer Frankreichs gekämpft und das Konzentrationslager Buchenwald überlebt hatte. Der Gegner, dem auf riskante Weise Loyalität verweigert wurde, ist hier eindeutig fassbar: das Unrechtsregime der deutschen Nazis.

Hessels Pamphlet speist sich aus dem französisch-existenzialistischen Freiheitsgestus eines Jean-Paul Sartre und der unbegründeten Unterstellung, Finanzkapitalismus, Nationalismus oder Neoliberalismus seien mit der Naziherrschaft irgendwie strukturell vergleichbar und rechtfertigten auch heute eine Pflicht zu Illoyalität und politischem Widerstand. So jedenfalls wurde das Bekenntnis Hessels von der – inzwischen fast schon wieder in Vergessenheit geratenen – Bewegung Occupy Wall Street in den Jahren der Finanz- und Eurokrise gedeutet und als Legitimationsschrift in Anspruch genommen.

Heute richtet sich der heroische Empörungsgestus der neuen grünen oder rechten Bewegungen gegen eine gefährlich untätige Gesellschaft (sei es angesichts des Klimawan-dels, der islamistischen Bedrohung oder des staatlich unterdrückten Rechts des bürgerlichen Freiheitsgebrauchs), wenn es sein muss aber auch gegen den Kapitalismus, der die Auslöschung des Menschengeschlechts durch die Menschheit selbst erst ermöglicht haben soll. Die sozialen Netzwerke liefern quasi einen globalen Verstärker für die neue Empörungskultur, von der Stéphane Hessel noch nichts wusste. „Aktivismus ist zu einer der leichtesten Arten geworden, wie man als cool gelten kann“, sagt ein Teenager in Boston in einer Umfrage der Zeitschrift „Economist“ zur Frage, wie Jugendliche die Regeln der Nachrichten neu schreiben. Es zeigt sich: Die Herstellung von Zugehörigkeit im virtuellen Raum erfolgt über sogenannte „Memes“, Textausschnitte, Videos, Podcast-Fetzen, die im Netz kettenreaktionsartig verbreitet werden und so im Nu einer breiten Masse bekannt gemacht werden.

Halten wir fest: Die neuen Bewegungen werden durch den hohen Ton der Empörung zusammengehalten, der stets mit relativ vagen Zielen einhergeht. Irgendwie alles verfällt der Empörung, so wie in den Achtundsechziger-Zeiten die FDGO (für die, die sich nicht mehr erinnern: „die freiheitliche demokratische Grundordnung“) oder „die herrschende Gesellschaft“ als Ganze dem Verdikt verfielen, es gebe kein richtiges Leben im falschen. XR & Co. versammeln Menschen der richtigen Gesinnung um sich, verlangen Gruppenloyalität und fordern Illoyalität gegenüber einer verderbten, unbeweglichen verfassten Gesellschaft, ohne Rücksicht darauf, dass es sich um Demokratien handelt. …

„Zivil“ am „zivilen Ungehorsam“ ist nicht, dass es bei den Formen des Protestes zivilisiert zugeht, sondern, entsprechend dem englischen Wort „civil“, dass es eine „bürgerliche“ Ge-horsamsverweigerung ist den gewählten Repräsentanten gegenüber. Entstanden ist die Widerstandspraxis – zugleich auch ihre Theorie – in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Protest gegen die amerikanische Sklavenhaltergesellschaft. Der Dichter Henry David Thoreau (1817 bis 1862) vertrat die Auffassung, es sei vom Gewissen geboten, einem Staat, der Sklaverei erlaube, die Steuern vorzuenthalten. Hier zeigt sich schon der Unterschied zur heutigen Empörungsfolklore: Gefolgschaftsverweigerung einem demokratisch verfassten Staat gegenüber hat ihren Ursprung nicht in der kollektiven Gesinnungsbewegung, sondern in der Gewissensentscheidung des Einzelnen. Sie nimmt immer in Kauf, für die Folgen dieser Entscheidung in Haftung oder – im schlimmsten Fall – in Haft genommen zu werden.

Dies ist der eklatante Unterschied zwischen den heutigen Freunden des zivilen Ungehorsams und der Tradition, derer sie sich bemächtigen: Illoyalität muss glaubhaft machen, dass der Staat, dem die Gefolgschaft verweigert wird, zumindest in Teilen ein Unrechtsstaat ist. Das liegt auf der Hand, wenn es um Sklaverei geht, die nach übereinstimmendem Urteil von Recht und Vernunft den Menschenrechten und der Menschenwürde widerspricht. …

Diejenigen, die zivilen Ungehorsam üben, müssen eine klare Begrenzung ihrer Aktionen auf offenkundig ungerechte Strukturen in Staat und Gesellschaft beachten. Zwar darf auch in einer Demokratie die Mehrheit die Minderheit nicht terrorisieren. Aber genauso wenig darf eine Minderheit sich auf übergeordnete Ziele berufen und der demokratisch zur Macht gekommenen Mehrheit eines Rechtsstaates nach Gutdünken Treue verweigern. … Nicht zuletzt lebt die neue Empörungsbewegung ihrerseits von großem Loyalitätsdruck innerhalb der Protestgruppe. Während der Regierung und dem Staat – zumindest rhetorisch – die Gefolgschaft aufgekündigt wird, willigen die Protestanten in einer Art Tauschhandlung in die Zugehörigkeit zu einem neuen Stamm ein: XR, Querdenken 711 oder wie sie alle heißen. Sie dünken sich aufmüpfig und unterwerfen sich treu dem neuen Gruppenzwang.

Es liegt auf der Hand, dass die Bedingungen zum zivilen Widerstand, auf den etwa XR oder Pegida sich berufen wollen, heute nicht gegeben sind. Die Regierungen der demokratischen Staaten haben den Klimawandel nicht zu verantworten, während frühere Regierungen sehr wohl für die Sklaverei oder den Vietnamkrieg verantwortlich waren. Das ist keine Nebensächlichkeit. Der Klimawandel, so bedrohlich er ist, ist eine hochriskante Nebenfolge des technischen Fortschritts, keine böse Tat von Staaten oder Firmen. Und die Staaten versuchen – wie unzureichend auch immer – seit dem Kyoto-Protokoll von 1997 dem Klimawandel zu Leibe zu rücken. Dieses politische Handeln lässt sich als halbherzig oder attentistisch kritisieren. Aber es lässt sich beim besten Willen nicht als Ausdruck eines Unrechtsregimes qualifizieren und als Berechtigung verwenden, dagegen mit zivilem Widerstand vorzugehen. …

Es ist … kein Zufall, dass XR sowohl die Verbrechen des Hitler-Regimes bagatellisiert als zugleich den eigenen Widerstand unter Berufung auf die Tradition des Antifaschismus heroisiert. Damit wird gerade der fundamentale Unterschied zwischen dem moralischen Gewissensgebot und dem willkürlichen Tugendterror nivelliert. Dafür ist zugleich erforderlich, den Klimawandel als absichtsvolle, von Menschen gewollte Tat – wie den Genozid der Nazis – zu verfälschen, anstatt ihn als Nebenfolge des menschlichen Fortschritts nüchtern in Blick zu nehmen. Als lebten wir heute in einem auch nur annähernd vergleichbaren Unrechtsstaat. Als wäre der bürokratisch geplante Genozid der Nazis mit dem, wenn es denn so käme, Verschwinden der Menschheit durch Treibhausgase zu vergleichen.

Ähnliches ließe sich gewiss auch über die Corona-Demonstrationen des Jahres 2020 sagen, die so taten, als hätte sich Deutschland unter der Knute der Virologen zu einer autoritären Diktatur gemausert, in der die Freiheit des Einzelnen keinen Stich mehr machen dürfe. Allein die Möglichkeit großer Demonstrationen, im Zweifel mithilfe der Gerichte durchgesetzt, beweisen, dass der Rechtsstaat funktioniert.

Auszug aus Rainer Hanks Die Loyalitätsfalle Warum wir dem Ruf der Horde widerstehen müssen. Erschien 2021 im Penguin Verlag, 208 Seiten, 18,– Euro

Die Öffentlichkeit ist unser Druckmittel

Heute ist Internationaler Tag der Pressefreiheit. Mit diesem Tag wird seit 1994 jährlich am 3. Mai auf Verletzungen der Pressefreiheit sowie auf die grundlegende Bedeutung freier Berichterstattung für die Existenz von Demokratien aufmerksam gemacht. Wir haben Christian Mihr, den Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen getroffen und ihn um eine aktuelle Einschätzung gebeten.

Herr Mihr, Haltung zu zeigen und seine Meinung zu sagen, wird zunehmend schwieriger. Wir leben in Zeiten von Besorgnisdemonstrationen und Cancel Culture. Journalist*innen haben auch in Deutschland vermehrt mit tätlichen Übergriffen zu tun. Beunruhigt Sie die aktuelle Entwicklung?

Wenn wir in Deutschland jammern, dann jammern wir auf hohem Niveau. Man neigt ja oft dazu, zu denken – wenn man vor seine eigene Haustür schaut –, alles sei schlimm. Damit möchte ich das, was vor unserer Haustür passiert, nicht relativieren, aber es hilft immer, einen globalen Blick einzunehmen. Reporter ohne Grenzen ist eine weltweit tätige Organisation. Wir sehen in unserer Rangliste der Pressefreiheit, die wir jedes Jahr unter anderem anhand von Befragungen von Hunderten Journalist*innen, Wissenschaftler*innen, Jurist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen weltweit sowie unserem eigenen Korrespondentennetzwerk erstellen, eine weltweite Verschlechterung der Pressefreiheit – gerade auch in Demokratien wie den USA oder den EU-Ländern Ungarn und Polen. Das ist etwas, das wir mit Sorge betrachten.

Christian Mihr ist Journalist, Menschenrechtsaktivist und Experte für internationale Medienpolitik. Seit 2012 ist er Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen.
Im Deutschen Bundestag war er bereits Sachverständiger in verschiedenen Ausschüssen wie zum Beispiel „Digitale Agenda“, „Kultur und Medien“ sowie „Recht und Verbraucherschutz“.
Foto: Michael Jungblut, fotoetage

Aber wenn wir mal konkret nach Deutschland schauen, dann ist diese Entwicklung seit 2013 mit dem Entstehen der AfD und seit 2015 mit dem Aufkommen von Pegida zu beobachten. Wir stellen eine Zunahme von offener, auch physischer Gewalt gegen Journalist*innen in Deutschland fest.  Auf Kundgebungen von Pegida und der AfD sowie neonazistischen Kundgebungen, alle zunächst mit Schwerpunkten in Sachsen und Nordrhein-Westfalen, hat sich die Situation verschärft.  

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Zusammen!

Amanda Gorman wurde für ihren Auftritt bei der Amtseinführung von Joe Biden weltweit gefeiert. Ihr Buch The hill we climb ist nun auf deutsch erschienen mit dem Titel Den Hügel hinauf. Das WIR im Titel schien nebensächlich, beobachtete unlängst der Kabarettist Christoph Sieber. Es drohe uns etwas verloren zu gehen, das wirklich elementar sei: das WIR. Der Mensch sei in erster Linie Konsument und User, Geiz sei geil und wer zuerst komme, mahle halt auch zuerst.

Das Kundenmagazin Passion von BerlinDruck thematisiert das ZUSAMMEN. Ein Mut machendes Heft über „Zusammen“. Sehr inspirierende Gespräche und Beiträge von und mit Norbert Moeller, Terra-X-Mann Dirk Steffens, „Frida Futura“ Friederike Riemer, „Mr. Media“ Thomas Koch, der Grafikerin Katja Hübner, dem ZEIT-Korrespondenten Ijoma Mangold, den Kultregisseuren Hans Block und Moritz Riesewieck, dem wunderbaren Bertolt Brecht und dem Schriftsteller Mirko Bonné. Danke auch an Michael Jungblut für wieder einmal tolle Bildstrecken und Julia Ochsenhirt für ihre unvergleichlichen Illustrationen!

Wir wollen Orientierung bieten

EDITION Integralis Herr Christiani, Sie sind nicht nur als Journalist, Kommunikationsberater und Grafikdesigner tätig, Sie beschäftigen sich auch intensiv mit zielgruppengerechtem und redaktionell hochwertigen Corporate Publishing. Aktuell hervorzuheben wäre die Passion, das Themen- und Peoplemagazin von BerlinDruck. Wie sind Sie nun auf die Idee gekommen, gleich eine ganze Buchreihe mit Zukunftsthemen zu starten?

Eckard Christiani Ob Klima- und Biodiversitätskrise oder der aufkommende Rechtspopulismus in vielen Ländern: Diese und andere Problemfelder drängen sich seit einiger Zeit schon in den Fokus. Aber die Coronapandemie hat uns alle vor mehr als einem Jahr im tagtäglichen Run ausgebremst und gezwungen, grundsätzlicher darüber nachzudenken, ob die Art und Weise, wie wir es gewohnt sind zu leben, die richtige ist. Sind wir als Menschheit gut vorbereitet auf die Auswirkungen der Erderwärmung, der digitalen Transformation und der Medienkonzentration? Und passen wir auch gut auf uns selber auf? Haben wir genügend Bewegung, ernähren wir uns vollwertig und gesund, nutzen wir unsere freie Zeit richtig?

Die Ausgaben 2021 – Ernährung, Medien, Umwelt und Wohnen

Jede persönliche Prüfung braucht Orientierung und Grundlagen für gedankliche Experimente. Meine Idee war, in der Buchreihe morgen – wie wir leben wollen ausschließlich Spezialist*innen zu Wort kommen zu lassen, die zu den jeweiligen Zukunftsthemen etwas beizutragen haben. Die erste Staffel beinhaltet persönliche Themen wie Ernährung, Gesundheit und Bewegung, Umweltthemen wie Gartenbau/Landwirtschaft und Nachhaltigkeit oder beispielsweise gesellschaftliche Themen wie Digitalisierung, Mobilität und Erziehung. Die Buchreihe zeigt also viele Aspekte unseres Lebens und Ideen für neues Denken auf, wagt Perspektivenwechsel und verwebt alle Einzelthemen zu einem Zukunftskosmos.  

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Der Begriff der Konsensgesellschaft ist einer, vor dem ich eher wegrenne.

Herr Mangold, Ihr letzter Titel passt sehr gut in die Zeit – Der innere Stammtisch. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen inneren Stammtisch zu gründen? Oder ist das ein Mitbringsel aus Ihrer Geburtsstadt Heidelberg?

Natürlich habe ich Erinnerungen, wie in ländlichen Regionen der alten Bundesrepublik das Prinzip Stammtisch funktionierte. Als Kind war ich sehr beeindruckt, denn ich hatte das Gefühl, dort am Tisch sitzen die Dorfmächtigen, gegen die man besser keine dicke Lippe riskiert. In der kleinen Gemeinde Dossenheim an der Badischen Bergstraße, in der ich aufgewachsen bin, stand da ein großer Messingaschenbecher mit so einem Bügel drüber, auf dem
stand „Do hogge die, die immer du hogge“. Das erschien mir als Kind eine Sehnsuchtsvorstellung zu sein, zu denen dazu zu gehören, die immer du hogge. Natürlich wandelt sich das schnell und man möchte genau das Gegenteil, aber ich habe schon eine empirische, eine soziologische Erinnerung an den Stammtisch.

Und wie funktioniert der innere Stammtisch?

Da geht es um einen Aspekt, den es beim äußeren Stammtisch vermutlich gar nicht gibt: Der äußere Stammtisch arbeitet prinzipiell eher daran, über sozialen Druck eine soziale Einheit oder Meinungseinheit herzustellen. Er wird kein Ort von starker Abweichung sein, würde ich vermuten.

Ijoma Mangold, ZEIT, Kulturkorrespondent Ressort Feuilleton, Litarturkritiker, Autor

Der innere Stammtisch hingegen zeichnet sich eher durch eine große Widersprüchlichkeit aus. Mir ging irgendwann auf, dass die Art, wie ich nach außen kommuniziere und die Art, wie ich mit mir selber spreche – der innere Stammtisch ist ja eine Art innerer Monolog – sich komplett voneinander unterscheiden. Es gibt so eine Art Zensurschranke, und das ist auch gut und schön. Nach außen tritt eine durch ein klares Weltbild umrissene Gedankenarchitektur, die so tut, als wäre sie das Ergebnis klaren, vernünftigen Nachdenkens. Wenn ich aber in mich hineinhorche, weiß ich, dass das völlig anders ist. Da sind immer Ressentiments, Affekte, Emotionen dabei, Meinungen zu produzieren. Meine Ansichten – also das, was mir durch die Birne rauscht – sind viel vielgestaltiger, bevor sie nach außen treten und mein Außenimage bilden. Denn da bemühe ich mich um Kohärenz. Im inneren Monolog natürlich nicht. Da bin ich in einem Moment dieser Meinung, im nächsten jener. 

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morgen – wie wir leben wollen

Das erste Magazin-Buch von morgen – wie wir leben wollen geht heute in den Druck. Band 1: wie wir morgen essen und trinken wollen wagt den Blick über den Tellerrand hinweg auf das große Ganze des globalen Ernährungssystems und auf kulinarische sowie künstlerische Ideen, auf das Philosophische und Visionäre. Essen ist lebensnotwendig und weit mehr als Ernährung. Es ist das Glück im Kleinen und lustvoller Genuss, es ist regionale Identität und eng mit unserer Geschichte und Kultur verbunden.

morgen Band 1: wie wir morgen essen und trinken wollen

Tolle Interviewpartner*innen. Birgit Behnke, Petra Beiße, Dr. Petra Bracht, Ullrich Fichtner, Dr. Jan Grossarth, Claudia Hauschild, Renate Künast, David Marx, Manuela Rehn und Katarina Schickling. Danke auch an die Autoren Jonathan Safran Foer und Bas Kast für ihre Beiträge. Danke an Michael Jungblut für wieder einmal hervorragende Fotografien und Julia Ochsenhirt für Illustrationen der Extraklasse.

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Man überlebt, indem man sich zusammentut

Wie funktionieren Meinungsmache, Manipulation, Irreführung? Der streitbare Publizist und Politiker Albrecht Müller hat uns spannende Einblicke in die Materie gewährt. Wenn es um Meinungsmache geht, weiß Müller, wovon er redet. Jahrelang hatte er selbst montags in der Lagebesprechung im Bundeskanzleramt die „Sprachregelung“ der Regierung mitbestimmt. Also mitentschieden, was der Regierungssprecher von Willy Brandt und später von Helmut Schmidt der Öffentlichkeit erzählt – und mit welchen Formulierungen er dies tut.

Als Wahlkampfstratege und später als Chef des Planungsamtes hat Müller Begriffe ersonnen, die eine Wertung in sich tragen. „Versöhnungspolitik“ ist so ein Begriff, der im Wahlkampf in den 1960er-Jahren dem späteren Friedensnobelpreisträger Willy Brandt geholfen hat.

Willy Brandt im Gespräch mit Albrecht Müller (Foto: Joseph Heinrich Darchinger)

Unwillkürlich erinnert man sich an Brandt, wie er bei seiner ersten Regierungserklärung 1969 ankündigt, „mehr Demokratie wagen“ zu wollen. Müller vermittelte uns die vielfältigen Methoden, wie Meinung zu machen ist.

Herr Müller, wie haben sich die Medien in den letzten fünfzig Jahren verändert?

Die gravierendste Veränderung war 1984 mit der Öffnung für kommerzielle Medien und der Schaffung von wesentlich mehr Fernsehprogrammen durch Kabel- und Satellitenübertragung. Das hatte ein langes Vorspiel. Wir hatten damals Helmut Schmidt davon überzeugt, darüber nachzudenken, wie eine Gesellschaft aussähe, die dreißig Fernsehprogramme zur Auswahl hätte, und wie es sich auswirken würde, wenn die Fernsehdauer ansteigen würde.

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Wenn nicht mehr gefrühstückt wird, ist das schlecht für die Zeitung

Herr Kaube, der freie Journalismus kämpft gerade an drei Fronten. Die Abkehr der jüngeren Generation vom Qualitätsjournalismus, Angriffe auf die Pressefreiheit weltweit und das Sterben des Geschäftsmodells, sich über Werbeeinnahmen zu finanzieren. Woraus ziehen Sie als Herausgeber einer der wichtigsten deutschen Tageszeitungen Ihre Motivation und auch Genugtuung?

Na ja, aus dem Kampf selber. Alle drei Herausforderungen sind interessante Aufgaben, die vielleicht ein bisschen miteinander zu tun haben, aber nicht strikt gekoppelt sind. Wenn wir einmal mit der jungen Generation anfangen, die eine Tageszeitung angeblich nicht mehr liest: 16-Jährige waren noch nie zentrale Abonnent*innen der FAZ. Für junge Leser*innen ist es wichtig, dass man auch die Redaktionen jung hält, damit man nicht übersieht, wofür sich junge Leute interessieren. Man sieht aber an der Konkurrenz, dass das nicht einfach ist. „Bento“ (das junge Magazin vom „Spiegel“, Anm. der Red.) beispielsweise wird runtergefahren. Es ist nicht einfach, durch Jugendlichkeit junge Leute anzuziehen. Das ist vielleicht auch ein Fehlschluss.

Dann wären wir beim zweiten Thema: Pressefreiheit und Fake News. Da bin ich eigentlich ganz gelassen. Man sollte sich da nicht verrückt machen lassen. Wir versuchen das mehr mit Durchdenken der Dinge. Klar, man verliert den einen oder anderen, der einem wütende Leserbriefe schreibt, man sei Vasall der Regierung Merkel … Gut, wer so denkt, ist eh falsch bei uns. Unsere Zeitung ist meinungsplural: Das, was der Politikteil sagt, was das Feuilleton sagt, was der Wirtschaftsteil sagt, wird nicht aufeinander abgestimmt. Ich erfahre, was die politischen Redakteur*innen schreiben, auch erst aus der Zeitung. 

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Alles bleibt, wie es immer war

Hannah Arendt schrieb’s schon vor 70 Jahren den Deutschen ins Stammbuch:

„Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt jedoch in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen. Beispielsweise kommt als Antwort auf die Frage, wer den Krieg begonnen habe – ein keineswegs heiß umstrittenes Thema -, eine überraschende Vielfalt von Meinungen zutage. In Süddeutschland erzählte mir eine Frau von ansonsten durchschnittlicher Intelligenz, die Russen hätten mit einem Angriff auf Danzig den Krieg begonnen – das ist nur das gröbste von vielen Beispielen.

Hannah Arendt

Doch die Verwandlung von Tatsachen in Meinungen ist nicht allein auf die Kriegsfrage beschränkt; auf allen Gebieten gibt es unter dem Vorwand, daß jeder das Recht auf eine eigene Meinung habe, eine Art Gentlemen’s Agreement, dem zufolge jeder das Recht auf Unwissenheit besitzt – und dahinter verbirgt sich die stillschweigende Annahme, daß es auf Tatsachen nun wirklich nicht ankommt.

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Wenn Dinge ganz einfach ganz anders funktionieren

Ein wissenschaftlicher Indikator, mit dem sich messen lässt, wie sich das Leben, das ein jeder Mensch führt, auf den Planeten Erde auswirkt, ist der ökologische Fußabdruck. Er rechnet in Hektar um, was ein Mensch an Natur verkonsumiert und vergleicht dies mit der Fläche, welche die Natur zur Verfügung hat, um diesen Konsum wieder auszugleichen. Dann kann nachwachsen, was geerntet wurde, oder sich die Natur einfach erholen. Der ökologische Fußabdruck wendet diese Regel, erweitert um jene Faktoren, die unsere Welt komplexer machen, auf den kompletten Planeten und die Menscheit als Ganzes an. 

Seit Mitte der Siebzigerjahre liegt der ökologische Fußabdruck der Menschheit außerhalb dessen, was die Erde hergibt. Jedes Jahr wandert der Tag, an dem wir bereits verbraucht haben, was für das ganze Jahr reichen sollte, im Kalender weiter nach vorn. Für Deutschland allein lag der sog. Overshoot Day, der Übernutzungstag, 2020 schon beim 3. Mai.



Overshoot days nach Ländern 2020
Quelle: Global Footprint Network, National Footprint and Biocapacity Accounts 2019

Die Klimakrise und die Coronakrise zeigen dem Mensch seine Grenzen auf. Das Bedürfnis nach Antworten auf Fragen zu nachhaltigem Konsum wächst – man will wissen, wie’s geht.  Wir haben uns für die sechste Ausgabe der Passion, dem Kundenmagazin von BerlinDruck, mit der Autorin des gerade erschienenen „Konsumkompass“, Katarina Schickling, darüber unterhalten, welche Auswirkungen der Lockdown auf die Gesellschaft hat und ob nicht gerade jetzt die Chance auf ein nachhaltigeres Leben wächst.

Eckard Christiani im Gespräch mit Katarina Schickling
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