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Die Verzählung der Zukunft

Ein exklusives Essay von Samira El Ouassil für die Passion #10

Das Magazin, das Sie soeben in Ihren Händen halten, bleibt im Verlauf seiner Lektüre unverändert – aber Sie werden sich verändern, denn die hier enthaltenen Deutungsangebote besitzen transformative Kräfte. Es handelt sich um Erzählungen über Ihre Wirklichkeit, um Narrative zur Einordnung des Weltgeschehens. Sie bestimmen den Kern unseres Wesens, das – kognitiv bedingt und von uns unbeeinflussbar – in Kausalitäten und Chronologien denkt. Durch Erzählungen wird das konstruiert, was wir als unser Selbst wahrnehmen, sie strukturieren unsere Wahrnehmung, sie statten sie mit Sinn aus. Eine Antwort auf die Frage, wer wir sind, könnte lauten: Wir sind Geschichten, die wir uns gegenseitig erzählen, über uns und unsere Welt.

Wenn es stimmt, dass „das Leben nur rückwärts verstanden werden kann, aber vorwärts gelebt werden muss“, wie der Philosoph Søren Kierkegaard meinte, dann gilt: Je besser wir „rückwärts verstehen“, desto besser werden wir leben können. Der Schlüssel zum „Vorwärtsleben“ liegt darin, Narrative für die Vorstellung einer zukünftigen Welt zu schaffen. Aber wie können wir mithilfe einer wirkmächtigen Erzählung unsere Zukunft gestalten, wenn die Herausforderungen der Zukunft unnarrativierbare Monster sind, die mit keiner Geschichte eingefangen werden können?

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Mehr Platz für gesellschaftspolitische Themen 

Lou, du bist ausgebildete Bürokauffrau, ehemalige Fitness-Influencerin, Feministin, Aktivistin gegen Bodyshaming und für Body Positivity, Moderatorin, Gründerin eines Onlineshops für nachhaltige Produkte, politische Aktivistin gegen Rassismus, Chancenungleichheit und Klimakrise, Social-Media-Beraterin, Autorin, Speakerin und Podcasterin.

Ja, krass, da hast du ganz schön viel gefunden über mich!

Was davon – mal abgesehen von Bürokauffrau – konntest du dir vor zehn Jahren für dich überhaupt vorstellen?

Ehrlicherweise: tatsächlich gar nichts davon. Ich dachte immer, ich werde bei meinem Vater im Büro arbeiten oder auf den Dächern auf den Baustellen mithelfen und Fotovoltaikanlagen installieren und in Betrieb nehmen. Das ist das, was ich damals mit ihm gemacht habe.

Louisa Dellert, 32, in Niedersachsen geboren, hat nach dem Abitur eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation abgeschlossen und im Familienunternehmen Fotovoltaikanlagen auf Dächer montiert. Seit 2013 beschäftigt sie sich täglich mit Social-Media-Plattformen wie Instagram, Facebook, LinkedIn und TikTok. Täglich bespielt sie dort eigene Kanäle und erreicht damit mehr als eine halbe Millionen Menschen. Seit Sommer 2021 interviewet Lou für deep und deutlich (NDR) Menschen, die etwas zu erzählen haben, im Fernsehen. Außerdem betreibt sie seit 2019 den Podcast LOU.

Alles, was dann mit Instagram passiert ist, war null Prozent geplant. Das hätte ich mir auch nie so vorstellen können, und ich hatte auch überhaupt keine Ahnung davon. 

Du hast sehr viel aufgezählt, was ich mache. So eine Aufzählung setzt mich immer unter Druck. Ich verstehe, dass die Medien mich in eine Schublade stecken wollen oder müssen, um mich so ein bisschen einordnen zu können. Es ist einfach so vieles, was du aufgezählt hast. Bestimmt mache ich auch was in all den Bereichen. Es ist auch einfach zu sagen, ich sei Aktivistin für dieses oder jenes Thema. Mich persönlich interessiert und berührt so vieles, dass ich es super schwierig finde, überhaupt zu erklären, was ich so mache – außer einfach zu sagen: Ich bin Lou!

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Da habe ich beschlossen, dass das so nicht sein muss.

… Katja, du hast ein Buch geschrieben, das gerade erschienen ist: Okay, danke, ciao! Eine Geschichte über Freundschaft und Obdachlosigkeit. Wie kam es dazu?

2017 ist mir ein einsamer junger Mann in seinem dicken Parka auf einer Bank im Park aufgefallen, der sehr zurückgezogen, ja, psychotisch wirkte. Außer dem, was er trug, hatte er nichts.
Irgendwann habe ich ihn angesprochen. Er lag im Gras, und ich fragte: „Ist alles ok?“ Er bejahte und fragte mich nach einer Zigarette. Seitdem habe ich immer wieder bei ihm Halt gemacht und mich auf ihn eingelassen. Sein Name war Marc. 
Ich hatte beobachtet, dass sich Marc Essen aus Mülltonnen besorgte und Zigarettenkippen rauchte, die andere Leute weggeworfen hatten. Da habe ich beschlossen, dass das so nicht sein muss. 

Katja Hübner ist eine im Hamburger Schanzenviertel lebende und arbeitende Grafikerin und Buchautorin.


Ich habe mich verantwortlich gefühlt und ihn erstmal versorgt: Jeden Morgen habe ich Marc Frühstück gebracht, und abends, wenn ich von der Arbeit nach Hause ging, nahm ich für ihn eine Tüte mit Essen und Getränken, Schokolade und Obst mit. Das ging eine ganze Weile so, und er begann, mir zu vertrauen und auf mich zu warten. Nach und nach versuchte ich, mehr über ihn zu erfahren.

Wie kann man denn in Hamburg draußen überleben?

Marc saß immer auf dieser einen Bank an der Hundewiese. Dort fühlte er sich anscheinend sicher – zumindest habe ich mir das damals so zusammengereimt. In diesem Sommer hatte es in Hamburg ziemlich viel geregnet. Marc war nach ein paar Tagen völlig durchnässt. Das alles war natürlich ziemlich verrückt.
Nicht nur das: Als beispielsweise der G20-Gipfel war, saß er mitten im Schlachtfeld an der Schanze und ließ das einfach so geschehen.

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JungeSterne – seit 15 Jahren

Ein Jahreswagen ist ein gebrauchtes Kraftfahrzeug, normalerweise ein Pkw, dessen Erstzulassung weniger als 12 Monate zurückliegt. So liest man auf Wikipedia. Erfinder des Begriff war einstmals Mercedes-Benz. Alle Hersteller sind nach und nach auf diese Idee angesprungen und haben auch ihrerseits Jahreswagen angeboten.

Wie attraktiviert man nun den angestaubten Begriff Jahreswagen? Das war das Briefing vom Daimler-Konzern an die Agentur. Wir entwickelten einen Begriff, den glaubhaft nur Mercedes-Benz verwenden kann:

Junge Sterne – das neue Label für Jahreswagen von Mercedes-Benz

JungeSterne – Die Jungen Gebrauchten von Mercedes-Benz. Die Entwicklung des neues unverwechselbaren Key Visuals für die Jahreswagen von Mercedes-Benz ist nun 15 Jahre her – bis heute ist JungeSterne im deutschsprachigen Raum das Synonym für junge Gebrauchte der Marke. Darauf kann man schon ein wenig stolz sein …

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