Echter Journalismus bedeutet „recherchieren“, im Sinne von „wieder suchen, forschen nach und trachten nach“. Es bedeutet das möglichst objektive Aufbereiten von Informationen in aller Tiefe vor komplexem Hintergrund. Heute scheint der Begriff eher auf das Nächstliegende, nämlich auf die Jagd nach der täglichen, stündlichen, minütlichen – zumeist auch noch negativen – Nachricht verengt zu sein. Wir trafen Prof. Maren Urner im Futurium, einem Haus der Zukünfte in Berlin, um zu erfahren, woher die Lust am Negativen kommt und wie der Journalismus der Zukunft aussehen kann.

Maren, wird Journalismus heute seiner Aufgabe noch gerecht?

Ich bin davon überzeugt, dass es auch heute noch viel gut recherchierten Journalismus gibt. Richtig ist aber auch, dass es schon immer einen Hang zum Negativen gab – auch im Journalismus. Ich komme gleich noch darauf zurück, warum das so ist. Das Problem ist aber jetzt, dass sich das mit dem Digitalen verstärkt. Es gibt eine groß angelegte Untersuchung, die in 130 Ländern Millionen von Nachrichten ausgewertet hat, und wir sehen ganz klar eine Tendenz zu noch mehr Negativem. Der Fokus, der eh schon immer auf dem Negativen lag, hat sich noch verstärkt. Über das Digitale haben wir das Resultat – wenn wir wollen, oder wenn wir das zulassen – 24 Stunden am Tag auf allen Kanälen.

Woher kommt der Hang zum Negativem? 

Auf der einen Seite, weil wir alle noch mit einem Steinzeitgehirn durch die Welt laufen und dieses Steinzeitgehirn darauf programmiert ist, zu überleben. Was ja erstmal eine sinnvolle, gute Sache ist. Unser Hirn ist nicht für die Welt da draußen, wie wir sie heute vorfinden, gemacht. Wir haben es ja nicht mehr mit Gefahren zu tun wie vor tausenden von Jahren. Wir leben heute – zumindest in unseren Kulturkreisen – in einer sehr sicheren Umgebung. Das Problem ist, dass wir durch dieses Negativitätsbias – also die Tendenz, negative Nachrichten als wichtiger zu empfinden – in der digitalen Welt, unserer 24-Stunden-Welt von Nachrichten, einfach kontinuierlich diesem Negativen ausgesetzt sind und die Gefahr besteht, damit potenziell in so eine Art chronischen Stress zu gelangen.

Illustration: Julia Ochsenhirt

Was bedeutet chronischer Stress in diesem Zusammenhang?

Das ist nicht dieses „Ich hab’ keine Zeit.“ und „Ich muss noch dieses und jenes …“. Wir sind ja alle gestresst heutzutage. Das bedeutet vielmehr die komplette Bandbreite an biologischen Reaktionen, die mit so einer Stresssituation einhergehen. Im akuten Fall sorgt das fürs Überleben, im chronischen Fall aber dafür, dass wir krank werden können. Und dass auch alle Zivilisationskrankheiten begünstigt werden. Tatsächlich basiert die Mehrzahl der Hausarztbesuche auf stressbedingten Ursachen – nicht alle durch Medien bedingt, aber sie spielen eine tragende Rolle. 

Wie reagieren die Menschen? „Warum bin ich eigentlich immer so negativ und fast depressiv? – Ahh, das kommt durch die Medien, die ich konsumiere. Die sind immer alle so negativ. – Und was mach’ ich jetzt? Ich wende mich davon ab.“ Da liegt natürlich eine Gefahr: Wenn Menschen sagen, dass sie die Zusammenhänge gar nicht mehr interessieren, weil es sie stresst, und sie sich in ihr Privates, in ihr „neues Biedermeier“ zurückziehen, dann ist das psychologisch gesehen ihre Bewältigungsstrategie, ihr Coping, das sie davor schützt, diesem endlosen negativen Dauerstress ausgeliefert zu sein.

Menschen, die Medien machen, wissen natürlich, dass der User lieber auf Negatives klickt, als auf Zukunftsorientiertes, Positives, Konstruktives. Ist das nicht inzwischen ein fatales Wechselspiel zwischen Leser*innen und Journalist*innen, eine geradezu unumkehrbar scheinende Spirale? Die Angst, etwas zu verpassen – im Englischen gibt es ja sogar einen Begriff dafür, die FOMO (Fear of missing out) – auf der einen Seite und das Füttern (müssen) auf der anderen Seite?

Prof. Dr. Maren Urner

Klar, das bedingt sich. Wir haben auf der einen Seite die Tatsache, dass wir alle mit unserem Steinzeitgehirn, das auf Negatives fokussiert ist, durch die Welt laufen. Auf der anderen Seite haben wir Online-Journalismus, der sich durch Werbeeinnahmen finanziert und auf Clicks angewiesen ist. Das motiviert den Journalisten noch einmal mehr dazu, negativer zu berichten, weil er weiß, dass sich damit mehr Geld verdienen lässt. Und da sind wir in so einem Teufelskreis, der immer weiter – fast schon ins Perverse – getrieben wird.

Wie kann aber ein verantwortungsvoller Journalist seiner Aufgabe gerecht werden, wenn sich Ereignisse überschlagen? Ein Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin, ein Erdbeben in Albanien usw. 

Ich kenne das aus vielen Gesprächen mit Journalisten, die sich fragen, was sie denn als einzelne Journalisten – quasi bottom up – machen können. Sie möchten gern gut recherchierte umfassende Beiträge veröffentlichen, bekommen das dann aber nicht verkauft. 

Also bleibt die Frage: Wie können wir arbeiten und nicht zu den Getriebenen gehören? Meine Gegenfrage: Wer sagt denn, dass wir uns so treiben lassen müssen? Häufige Antwort: Die Leute wollen das so. Aber, was die Leute wollen und was gut, wichtig und richtig ist, ist nicht immer deckungsgleich. Was für eine ökonomische und gesellschaftliche Landschaft brauchen wir für den Journalismus, damit das nicht mehr der Fall ist? Und – vielleicht als konstruktiven, positiven Outlook – wofür zahlen die Konsumenten letztendlich, wenn’s um Journalismus geht? Sicherlich nicht für die kurzen Geschichten. Da weiß jeder, das können die KIs machen: die Fußballergebnisse, die Wahlergebnisse oder was auch immer — das kann ein Algorithmus. Das, wofür wir Menschen noch brauchen – und da sind die Rezipienten auch bereit, dafür zu zahlen –, das sind die langen, einordnenden Stücke. Das sind die Hintergrundsachen, wo Dinge zusammenfließen und in Verbindung zueinander gebracht werden. 

Was stellen wir als Branche – also top down – bereit und welche Finanzierungsmodelle werden wie unterstützt? Und da ist auch die Frage erlaubt, ob das staatlich finanziert werden soll. Ich finde das immer ganz spannend, dass dann häufig der Vorwurf der Staatspresse aufkommt. Im Rundfunk ist das schließlich ganz normal. Darüber sollte man reden können. Die Frage sollte sein: Was wollen wir erreichen und nicht, wer hat den längeren Atem.

Und dann müssen Journalistinnen und Journalisten überdies noch mit Parallelöffentlichkeiten in den sozialen Medien um Deutungshoheiten und Wahrheiten ringen. Das macht es nicht einfacher!?

Ja und nein. Journalisten lieben es, sich über Journalismus zu unterhalten. Sie gehen aber zu schnell davon aus, dass das alle gern machen. Das ist nicht der Fall.

Gehen Journalisten kritisch mit sich um?

Ja, schon kritisch. Aber sehr auf die eigene Welt, die eigene Filterblase oder Echokammer bezogen. Da muss man realistisch sein. Wieviel Medienkonsum hat denn der nichtjournalistisch arbeitende Mensch? Das sind dann nicht die Meta-Analysen, über die er sich informiert, sondern da ist eher das Bedürfnis, sich über den Tag informieren zu wollen. Und dort liegt – wie in vielen anderen Bereichen – der Fokus auf dem Negativem.

Illustration: Julia Ochsenhirt

Fake News gab es schon immer und auch die Kämpfe darüber, was wahr und was falsch ist. Es ist eine klare Herausforderung, dass es jetzt scheinbar wieder in Ordnung ist, offene Lügen und Bullshit zu verbreiten. Damit müssen wir lernen, umzugehen. Es gibt inzwischen einige Untersuchungen dazu, wer besonders empfänglich für solche Art News ist, warum sich solche Sachen schneller verbreiten usw. Und da sind wir wieder bei der Psychologie – beim confirmation bias, d. h. dass wir eher Dinge glauben, die in unser eigenes Weltbild passen. Wenn ein Algorithmus mir dann, wenn er mich gut kennt, die Dinge liefert – egal, ob sie wahr oder falsch sind – dann glaube ich sie eher und verbreite sie eher. Auch da gilt – top down: Müssen wir das regulieren? Wenn ja, wie?

Wie verändert sich unsere Weltsicht, wenn wir uns einem solch negativen Dauerfeuer ausliefern?

Wir sind auf Medien angewiesen.Wenn wir da hauptsächlich Negatives bekommen, was macht das mit uns? Es sorgt dafür, dass wir alle im Mittel ein zu negatives Weltbild haben. Ist das schlimm? Man könnte ja annehmen, dass die Menschen dann besonders aktiv an den Problemen arbeiten und alle Herausforderungen annehmen, weil sie sich ja verbessern wollen. Ergebnisse aus der Psychologie zeigen uns aber, dass das nicht der Fall ist. Menschen mit negativen Emotionen sind weniger handlungsfähig und -bereit, als wenn sie mit positiven Emotionen ausgestattet sind. Passivität, Hoffnungslosigkeit, Zynismus und eine erlernte Hilflosigkeit sind die Folgen, weil die Leser immer wieder gezeigt bekommen: Das sind die Probleme, die sind unlösbar und du als Einzelner kannst eh nichts dagegen machen.

In deinem Bestseller „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ gibst du Tipps, was wir als User verändern können. Hast du ein paar Erste-Hilfe-Maßnahmen für uns?

Ich bin keine Self-Help-Tante! Aber es ist wichtig, gerade mit einer lösungsorientierten Denke, die ich absolut vertrete und auch versuche, sie weiter zu verbreiten, daran zu gehen. Als erstes kann sich natürlich jeder immer die Frage stellen, die du grad gestellt hast: Was jetzt? Wie gehen wir damit um? Der erste Schritt ist, sich das Problem bewusst zu machen. Also zu merken, dass hier irgendwas passiert. Wie nehme ich gerade diese Information wahr und wieso habe ich dieses zu negative Weltbild? – Ich bemühe dann immer den Begriff der Medienhygiene. Man sollte die Bereitschaft mitbringen, seine eigenen Routinen und Gewohnheiten in Frage zu stellen. Wie möchte ich denn informiert sein? Welche Informationen möchte ich wirklich an mich heranlassen? Das heißt nicht, dass man Dinge ausblendet, weil sie schlecht sind. Wie informiere ich mich, dass ich weder ein zu negatives, noch ein zu positives Weltbild bekomme, sondern ein realistisches? Es gibt so viel hochwertigen Journalismus da draußen – Magazine, Podcasts, Bücher usw. Man muss sich nur die Mühe machen, den richtigen Weg mit den richtigen Medien einzuschlagen, dass dieser zur Routine wird. Und was die digitalen Helfer angeht, einfach zu bestimmen, wann am Tag ich eMails abrufe, ob ich wirklich alle Push-Nachrichten brauche, wann am Tag ich mein Handy auslasse usw. Schon die schiere Anwesenheit eines Mobiltelefons zweigt einen Teil meiner kognitiven Ressourcen dafür ab, bereit dafür zu sein, dass es gleich klingeln, piepen, vibrieren oder blinken wird. Ein vibrierendes Smartphone ist das Mammut von früher.

Du publizierst auf perspective-daily.de und über eure App PD. Da ist die Rede von lösungsorientiertem Journalismus. Was ist das, was macht ihr anders, was besser?

Die Idee war, praktisch an die Umsetzung zu gehen. Gegründet haben wir Perspective Daily 2016, inzwischen sind wir ein Team von ungefähr 20 Leuten. Was war der Ursprung? Wir wissen, wir haben große Herausforderungen in unserer Gesellschaft – allen voran den menschengemachten Klimawandel. Warum diskutieren wir so wenig über Lösungen? Wir sind auf den im deutschsprachigen Raum noch unbekannten Konstruktiven Journalismus gestoßen und haben ein Crowd-funding organisiert, um lösungsorientierten Journalismus mit eigenem Team umsetzen zu können. Die Kurzantwort auf deine Frage „Was ist anders?“ ist, immer die Frage mitzuführen: „Was jetzt?“ – „What now?“

Das ändert nicht die Realität da draußen, aber die Sicht auf die Welt. Das ändert auch die Auswahl der Quellen, der Themen, der Gesprächspartner und auch die Fragen an die Gesprächspartner. – Das Reden über Probleme schafft Probleme, das Reden über Lösungen schafft Lösungen. Dieses Zitat von Steve de Shazer ist der Kern dieser konstruktiven Denke.

Wie wird sich das weiterentwickeln? Was sind eure Ziele?

Auf der einen Seite wollen wir noch  nutzerfreundlicher werden, mehr in den Dialog mit den Lesern kommen und die Interaktivität steigern. Und mehr Audio – da liegt die Zukunft!

Neben deinem Treffen mit uns hattest du diese Woche noch einen weiteren wichtigen Termin: bei unserem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue. Worum ging es da und was nimmst du aus Berlin mit?

Frank-Walter Steinmeier hatte mich – neben Ian McEwan und Steven Pinker – zum 8. Forum Bellevue, Zukunft der Demokratie eingeladen. Und ich dachte, wow, das ist eine interessante Kombination – ich war tatsächlich beeindruckt! Ich bin da, glaub’ ich, sehr unbefangen, offen und neugierig  reingegangen. Das war einfach eine tolle Erfahrung, mit Steven Pinker, der mich schon während meines Bachelor-Studiums begleitet hat, und mit Ian McEwan, dessen Bücher ich gelesen habe, während ich in London promoviert habe, über einige der großen Fragen unserer Zeit zu diskutieren.

Das war schon großartig! Und ich bin überzeugt davon, dass solche Events wichtig sind, um auf einigen Ebenen – eben top down – die richtigen Impulse zu setzen.

Vielen Dank, Maren, dass du Zeit für uns gefunden hast und danke für dieses Gespräch!

Veröffentlicht in Passion #5, dem Kundenmagazin von BerlinDruck