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Die Empörung

Neinsagen fällt schwer. … Denn es bringt Entfremdung von der Herkunftsfamilie mit sich, wenn einer in die Welt hinaus will. Illoyal zu sein, bedeutet Ächtung von den Kollegen und scharfe Gewissenbisse, wenn es darum geht, Missstände in der Firma anzuprangern. Und es bedeutet – was am schlimmsten wiegt – Verrat an den eigenen Idealen gerade dann, wenn es erforderlich wäre, frühere ideologische Überzeugungen glaubwürdig abzulegen.

Wirtschaftsjournalist Rainer Hank, aufgenommen am Donnerstag (12.01.2017) in Frankfurt am Main. Foto: Salome Roessler

Umso merkwürdiger mutet es angesichts dieses allgegenwärtigen Zwangs zur Loyalität an, dass Illoyalität derzeit wieder hoffähig zu werden scheint: als Ausdruck „zivilen Ungehorsams“ einer Gruppe Gleichgesinnter gegen Staat, Regierung, die epidemiologische Wissenschaft, die „Lügenpresse“ oder die Mainstream-Gesellschaft, die aufgerüttelt und auf den rechten und guten Weg gebracht werden müssten. …

Gerade weil der moralisierende Gesinnungsterror im tribalistischen Kollektiv sich leicht als heroische Form der Illoyalität gegenüber dem Mainstream stilisieren lässt, ist er fein zu scheiden von jenem individuellen Aufbegehren der Nonkonformität, dem wenig Heroisches anhaftet. Eine Anleitung zur Illoyalität ist das genaue Gegenteil der gängigen Empörungsrhetorik, erst recht der kontrafaktischen Tendenzen sogenannter Verschwörungstheorien.

„Es ist Zeit! Jetzt oder nie gilt es, radikal zu werden. Erheben wir uns. Rebellieren wir!“ Mit diesem Slogan wirbt das Handbuch „Wann, wenn nicht wir“ der Öko-Aktivisten Extinction Rebellion um Unterstützung und Zustimmung. Extinction Rebellion (XR) ist eine mittlerweile immer mehr Zuspruch findende Polit-Bewegung, die in England im Herbst 2018 entstanden ist. Unter anderem legte sie die Metropole London mehrere Tage lahm und gab der Innenstadt mit Straßen- und Brückenblockaden ihre eigenen Farben – das Pink der Rebellion. Ziel ist es nach eigenen Aussagen, mit Mitteln des gewaltfreien zivilen Ungehorsams auf die existenzielle Krise – das sich rasant ausbreitende Artensterben, das auch uns Menschen erfasst – aufmerksam zu machen und einen Systemwandel herbeizuführen. …

Extinction Rebellion ist eine Bewegung, die rhetorisch und moralisch aufgeladene Loyalität von ihren Unterstützern einfordert, eine totale Identifikation, die vielen Anhängern freilich nicht allzu schwer fällt, weil die Organisation in hohem Maße mit ihren eigenen persönlichen Zielen übereinstimmt. Extinction Rebellion steht im Zentrum der Erörterung, gleichsam exemplarisch, weil sich hier ein Unbedingtheitsanspruch kollektiv Ausdruck verschafft. Dieser Gestus ist ebenfalls weit verbreitet bei Fridays for Future, unter links-grünen Journalisten und Intellektuellen oder aber auch – auf der rechten Seite – bei Pegida, der „identitären Bewegung“, oder der in der Corona-Zeit entstandenen Initiative „Querdenken 711 – Wir für das Grundgesetz“, die sich für „Eigenverantwortung, Selbstbestimmung, Liebe, Freiheit, Frieden und Wahrheit“ und gegen die staatlich verordneten Freiheitseinschränkungen in Pandemiezeiten einsetzt. Alle diese Bewegungen könnten mehr oder weniger den apokalyptischen Slogan „Es ist Zeit …“ unterschreiben, der ja offenkundig inhaltlich unbestimmt ist. Bestimmt darin ist nur die Dringlichkeit des Handelns hier und jetzt. Angesichts der Lage der Welt, der Gesellschaft oder des Corona-Ausnahmezustands gelte es, „Haltung zu zeigen“, heißt es vielfach. Die richtige Moral sei gefordert – gemeint ist Gesinnung.

Die meisten dieser Empörungsbewegungen sind junge Initiativen. Viele ihrer Anführer geben zu Protokoll, sie seien in ihrem bisherigen Leben unpolitische Menschen gewesen, müssten jetzt aber das Wort ergreifen. Die gängige Protestform ist die Großdemonstration, die in vielen Fällen professionell organisiert wird mit Busunternehmen und erfahrenen Widerstandsfirmen (…).

Vorbild der Empörungspraxis ist das Zornesbuch des damals 93-jährigen Stéphane Hessel (1917 bis 2013) „Empört euch!“ aus dem Jahr 2010, dessen Inhalt sich darauf beschränkte, zum Widerstand aufzurufen, ein Bestseller, von dem binnen eines Jahres mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. In Deutschland lag das schmale Ullstein-Büchlein monatelang stapelweise an den Kassen der Bahnhofsbuchhandlungen. Die Streitschrift errang hohe Glaubwürdigkeit durch ihren Autor, der im Zweiten Weltkrieg für die Résistance gegen die deutschen Nazi-Besatzer Frankreichs gekämpft und das Konzentrationslager Buchenwald überlebt hatte. Der Gegner, dem auf riskante Weise Loyalität verweigert wurde, ist hier eindeutig fassbar: das Unrechtsregime der deutschen Nazis.

Hessels Pamphlet speist sich aus dem französisch-existenzialistischen Freiheitsgestus eines Jean-Paul Sartre und der unbegründeten Unterstellung, Finanzkapitalismus, Nationalismus oder Neoliberalismus seien mit der Naziherrschaft irgendwie strukturell vergleichbar und rechtfertigten auch heute eine Pflicht zu Illoyalität und politischem Widerstand. So jedenfalls wurde das Bekenntnis Hessels von der – inzwischen fast schon wieder in Vergessenheit geratenen – Bewegung Occupy Wall Street in den Jahren der Finanz- und Eurokrise gedeutet und als Legitimationsschrift in Anspruch genommen.

Heute richtet sich der heroische Empörungsgestus der neuen grünen oder rechten Bewegungen gegen eine gefährlich untätige Gesellschaft (sei es angesichts des Klimawan-dels, der islamistischen Bedrohung oder des staatlich unterdrückten Rechts des bürgerlichen Freiheitsgebrauchs), wenn es sein muss aber auch gegen den Kapitalismus, der die Auslöschung des Menschengeschlechts durch die Menschheit selbst erst ermöglicht haben soll. Die sozialen Netzwerke liefern quasi einen globalen Verstärker für die neue Empörungskultur, von der Stéphane Hessel noch nichts wusste. „Aktivismus ist zu einer der leichtesten Arten geworden, wie man als cool gelten kann“, sagt ein Teenager in Boston in einer Umfrage der Zeitschrift „Economist“ zur Frage, wie Jugendliche die Regeln der Nachrichten neu schreiben. Es zeigt sich: Die Herstellung von Zugehörigkeit im virtuellen Raum erfolgt über sogenannte „Memes“, Textausschnitte, Videos, Podcast-Fetzen, die im Netz kettenreaktionsartig verbreitet werden und so im Nu einer breiten Masse bekannt gemacht werden.

Halten wir fest: Die neuen Bewegungen werden durch den hohen Ton der Empörung zusammengehalten, der stets mit relativ vagen Zielen einhergeht. Irgendwie alles verfällt der Empörung, so wie in den Achtundsechziger-Zeiten die FDGO (für die, die sich nicht mehr erinnern: „die freiheitliche demokratische Grundordnung“) oder „die herrschende Gesellschaft“ als Ganze dem Verdikt verfielen, es gebe kein richtiges Leben im falschen. XR & Co. versammeln Menschen der richtigen Gesinnung um sich, verlangen Gruppenloyalität und fordern Illoyalität gegenüber einer verderbten, unbeweglichen verfassten Gesellschaft, ohne Rücksicht darauf, dass es sich um Demokratien handelt. …

„Zivil“ am „zivilen Ungehorsam“ ist nicht, dass es bei den Formen des Protestes zivilisiert zugeht, sondern, entsprechend dem englischen Wort „civil“, dass es eine „bürgerliche“ Ge-horsamsverweigerung ist den gewählten Repräsentanten gegenüber. Entstanden ist die Widerstandspraxis – zugleich auch ihre Theorie – in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Protest gegen die amerikanische Sklavenhaltergesellschaft. Der Dichter Henry David Thoreau (1817 bis 1862) vertrat die Auffassung, es sei vom Gewissen geboten, einem Staat, der Sklaverei erlaube, die Steuern vorzuenthalten. Hier zeigt sich schon der Unterschied zur heutigen Empörungsfolklore: Gefolgschaftsverweigerung einem demokratisch verfassten Staat gegenüber hat ihren Ursprung nicht in der kollektiven Gesinnungsbewegung, sondern in der Gewissensentscheidung des Einzelnen. Sie nimmt immer in Kauf, für die Folgen dieser Entscheidung in Haftung oder – im schlimmsten Fall – in Haft genommen zu werden.

Dies ist der eklatante Unterschied zwischen den heutigen Freunden des zivilen Ungehorsams und der Tradition, derer sie sich bemächtigen: Illoyalität muss glaubhaft machen, dass der Staat, dem die Gefolgschaft verweigert wird, zumindest in Teilen ein Unrechtsstaat ist. Das liegt auf der Hand, wenn es um Sklaverei geht, die nach übereinstimmendem Urteil von Recht und Vernunft den Menschenrechten und der Menschenwürde widerspricht. …

Diejenigen, die zivilen Ungehorsam üben, müssen eine klare Begrenzung ihrer Aktionen auf offenkundig ungerechte Strukturen in Staat und Gesellschaft beachten. Zwar darf auch in einer Demokratie die Mehrheit die Minderheit nicht terrorisieren. Aber genauso wenig darf eine Minderheit sich auf übergeordnete Ziele berufen und der demokratisch zur Macht gekommenen Mehrheit eines Rechtsstaates nach Gutdünken Treue verweigern. … Nicht zuletzt lebt die neue Empörungsbewegung ihrerseits von großem Loyalitätsdruck innerhalb der Protestgruppe. Während der Regierung und dem Staat – zumindest rhetorisch – die Gefolgschaft aufgekündigt wird, willigen die Protestanten in einer Art Tauschhandlung in die Zugehörigkeit zu einem neuen Stamm ein: XR, Querdenken 711 oder wie sie alle heißen. Sie dünken sich aufmüpfig und unterwerfen sich treu dem neuen Gruppenzwang.

Es liegt auf der Hand, dass die Bedingungen zum zivilen Widerstand, auf den etwa XR oder Pegida sich berufen wollen, heute nicht gegeben sind. Die Regierungen der demokratischen Staaten haben den Klimawandel nicht zu verantworten, während frühere Regierungen sehr wohl für die Sklaverei oder den Vietnamkrieg verantwortlich waren. Das ist keine Nebensächlichkeit. Der Klimawandel, so bedrohlich er ist, ist eine hochriskante Nebenfolge des technischen Fortschritts, keine böse Tat von Staaten oder Firmen. Und die Staaten versuchen – wie unzureichend auch immer – seit dem Kyoto-Protokoll von 1997 dem Klimawandel zu Leibe zu rücken. Dieses politische Handeln lässt sich als halbherzig oder attentistisch kritisieren. Aber es lässt sich beim besten Willen nicht als Ausdruck eines Unrechtsregimes qualifizieren und als Berechtigung verwenden, dagegen mit zivilem Widerstand vorzugehen. …

Es ist … kein Zufall, dass XR sowohl die Verbrechen des Hitler-Regimes bagatellisiert als zugleich den eigenen Widerstand unter Berufung auf die Tradition des Antifaschismus heroisiert. Damit wird gerade der fundamentale Unterschied zwischen dem moralischen Gewissensgebot und dem willkürlichen Tugendterror nivelliert. Dafür ist zugleich erforderlich, den Klimawandel als absichtsvolle, von Menschen gewollte Tat – wie den Genozid der Nazis – zu verfälschen, anstatt ihn als Nebenfolge des menschlichen Fortschritts nüchtern in Blick zu nehmen. Als lebten wir heute in einem auch nur annähernd vergleichbaren Unrechtsstaat. Als wäre der bürokratisch geplante Genozid der Nazis mit dem, wenn es denn so käme, Verschwinden der Menschheit durch Treibhausgase zu vergleichen.

Ähnliches ließe sich gewiss auch über die Corona-Demonstrationen des Jahres 2020 sagen, die so taten, als hätte sich Deutschland unter der Knute der Virologen zu einer autoritären Diktatur gemausert, in der die Freiheit des Einzelnen keinen Stich mehr machen dürfe. Allein die Möglichkeit großer Demonstrationen, im Zweifel mithilfe der Gerichte durchgesetzt, beweisen, dass der Rechtsstaat funktioniert.

Auszug aus Rainer Hanks Die Loyalitätsfalle Warum wir dem Ruf der Horde widerstehen müssen. Erschien 2021 im Penguin Verlag, 208 Seiten, 18,– Euro

Weil aller Journalismus konstruktiv ist

„Und was jetzt?“ Diese scheinbar unbedeutende Frage fasst den Kern des Konstruktiven Journalismus zusammen. Nicht immer nur „Was ist das Problem?“, sondern auch „Wie kann es weitergehen?“ und „Was kann besser werden?“. Genau wie konstruktive Kritik versucht Konstruktiver Journalismus, Probleme zu beheben, indem Vorschläge für Alternativen gemacht werden. International gewinnt dieses Konzept immer mehr Zuspruch. Doch wie sieht es in Deutschland aus? Wir fragten Prof. Maren Urner, Mitbegründerin von Perspective Daily.

Seit weit über einem Jahr erleben wir täglich einen Weltuntergang. Dein Buch, in dem du damit Schluss machen wolltest, kam damals zur rechten Zeit. Deine Forderung nach Konstruktivem Journalismus war in allen Medien zu hören und zu lesen. Haben die Medien im zurückliegenden Corona-Jahr einen besseren, vielleicht sogar einen guten Job hingelegt?

Solch einfache Fragen sind sehr schwierig zu beantworten, weil natürlich auch ich nur eine subjektive Wahrnehmerin eines gewissen Ausschnittes von Medien bin. Damit will ich mich nicht aus der Affäre stehlen. Ich praktiziere eine sehr ausgeklügelte Medienhygiene. Das, was ich an mich heranlasse und konsumiere, sind Formate, bei denen ich davon ausgehe und auch häufig weiß, dass sie mich gut über die Welt informieren, dass sie mich manches Mal auch herausfordern, aber dass sie keine Fake News liefern.

Prof. Maren Urner im Gespräch mit Eckard Christiani

Klar, es können sich dann und wann Fehler einschleichen. Aber insgesamt lässt sich sagen, dass ich sehr viel Tolles konsumieren durfte und darf. Ich mache das mal konkret: Der Podcast „Coronavirus-Update“ mit Christian Drosten und Sandra Ciesek machte seriöse Wissenschaftskommunikation. 

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Der Anfang vom Ende unserer Endlichkeit

Was geschieht mit den Daten in den sozialen Netzwerken? Was passiert mit unseren Daten bei Google? Taugen diese Daten eventuell sogar, um uns später wieder digital entstehen zu lassen? Was soll von uns bleiben, wenn der biologische Körper gestorben ist? Wir fragten Kult-Regisseur Moritz Riesewieck, wie es um unsere digitale Unsterblichkeit bestellt ist.

Herr Riesewieck beschäftigen sich mit Themen, die die Nutzung von Social Media in ein ungewohntes, ungedachtes Licht rückt. Ihr Film The Cleaners von 2018 ist ein prominentes Beispiel dafür. Worum ging es da?

Moritz Riesewieck ist ein deutscher Theater- und Filmregisseur, sowie ein Drehbuch- und Sachbuchautor, außerdem Gründungsmitglied der Künstlergruppe Compagnie Laokoon.

Sowohl Hans als auch ich haben uns während des Schauspiel-Regiestudiums fürs Hier und Jetzt interessiert und Ausschau nach Themen gehalten, die interessant für dokumentarische Arbeiten sein könnten. Wir wollten damals noch das Dokumentarische mit dem Schauspiel kreuzen. Es ist auch schon länger unser Anliegen, Ausdrucks- und Erzählformen für das Digitale zu finden, weil wir den Eindruck hatten, dass sich viele nicht an diese Thematik herantrauen – es sei denn, sie haben ein Informatikstudium hinter sich. 


The Cleaners – Im Schatten der Netzwelt
(2018)
Der Film enthüllt eine gigantische Schattenindustrie digitaler Zensur in Manila, dem weltweit größten Outsourcing-Standort für Content Moderation. Genre: 
Documentary
Dauer: 1 Stunde 28 Minuten
Untertitel: Deutsch

Letztlich stecken hinter jedem Algorithmus, hinter jedem digitalen Device menschliche Entscheidungen oder irgendwelche Ideologien. Von Menschen für Menschen gemacht. Schon deshalb lohnt es, sich damit zu beschäftigen und nach Erzählformen zu fahnden. Es musste ein Thema her. Anfang 2016 war uns dann etwas aufgefallen: Wie kommt es eigentlich, dass wir auf Social-Media-Seiten im Netz mit Pornografie, mit Gewaltverherrlichung oder anderen verstörenden Inhalten vergleichsweise wenig behelligt werden, während gleichzeitig so viel Content stündlich, minütlich, sekündlich hochgeladen wird? Man muss annehmen, dass zwischen Hochladen und Medienkonsum irgendetwas passiert. Können Algorithmen solche Inhalte vollautomatisch erkennen und selbstständig löschen? Oder stecken da Menschen dahinter? Nach einer Onlinerecherche stießen wir auf eine Studie einer US-amerikanischen Medienwissenschaftlerin, die sich mit Content Moderation für Microsoft in den USA beschäftigte. Sie nahm an, dass ein Großteil dieser Arbeit in Schwellenländer, vor allem auf die Philippinen, outgesourct wird. Sie hatte allerdings keine Möglichkeiten, das vor Ort selbst zu recherchieren.

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Zusammen!

Amanda Gorman wurde für ihren Auftritt bei der Amtseinführung von Joe Biden weltweit gefeiert. Ihr Buch The hill we climb ist nun auf deutsch erschienen mit dem Titel Den Hügel hinauf. Das WIR im Titel schien nebensächlich, beobachtete unlängst der Kabarettist Christoph Sieber. Es drohe uns etwas verloren zu gehen, das wirklich elementar sei: das WIR. Der Mensch sei in erster Linie Konsument und User, Geiz sei geil und wer zuerst komme, mahle halt auch zuerst.

Das Kundenmagazin Passion von BerlinDruck thematisiert das ZUSAMMEN. Ein Mut machendes Heft über „Zusammen“. Sehr inspirierende Gespräche und Beiträge von und mit Norbert Moeller, Terra-X-Mann Dirk Steffens, „Frida Futura“ Friederike Riemer, „Mr. Media“ Thomas Koch, der Grafikerin Katja Hübner, dem ZEIT-Korrespondenten Ijoma Mangold, den Kultregisseuren Hans Block und Moritz Riesewieck, dem wunderbaren Bertolt Brecht und dem Schriftsteller Mirko Bonné. Danke auch an Michael Jungblut für wieder einmal tolle Bildstrecken und Julia Ochsenhirt für ihre unvergleichlichen Illustrationen!

Wir wollen Orientierung bieten

EDITION Integralis Herr Christiani, Sie sind nicht nur als Journalist, Kommunikationsberater und Grafikdesigner tätig, Sie beschäftigen sich auch intensiv mit zielgruppengerechtem und redaktionell hochwertigen Corporate Publishing. Aktuell hervorzuheben wäre die Passion, das Themen- und Peoplemagazin von BerlinDruck. Wie sind Sie nun auf die Idee gekommen, gleich eine ganze Buchreihe mit Zukunftsthemen zu starten?

Eckard Christiani Ob Klima- und Biodiversitätskrise oder der aufkommende Rechtspopulismus in vielen Ländern: Diese und andere Problemfelder drängen sich seit einiger Zeit schon in den Fokus. Aber die Coronapandemie hat uns alle vor mehr als einem Jahr im tagtäglichen Run ausgebremst und gezwungen, grundsätzlicher darüber nachzudenken, ob die Art und Weise, wie wir es gewohnt sind zu leben, die richtige ist. Sind wir als Menschheit gut vorbereitet auf die Auswirkungen der Erderwärmung, der digitalen Transformation und der Medienkonzentration? Und passen wir auch gut auf uns selber auf? Haben wir genügend Bewegung, ernähren wir uns vollwertig und gesund, nutzen wir unsere freie Zeit richtig?

Die Ausgaben 2021 – Ernährung, Medien, Umwelt und Wohnen

Jede persönliche Prüfung braucht Orientierung und Grundlagen für gedankliche Experimente. Meine Idee war, in der Buchreihe morgen – wie wir leben wollen ausschließlich Spezialist*innen zu Wort kommen zu lassen, die zu den jeweiligen Zukunftsthemen etwas beizutragen haben. Die erste Staffel beinhaltet persönliche Themen wie Ernährung, Gesundheit und Bewegung, Umweltthemen wie Gartenbau/Landwirtschaft und Nachhaltigkeit oder beispielsweise gesellschaftliche Themen wie Digitalisierung, Mobilität und Erziehung. Die Buchreihe zeigt also viele Aspekte unseres Lebens und Ideen für neues Denken auf, wagt Perspektivenwechsel und verwebt alle Einzelthemen zu einem Zukunftskosmos.  

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Da habe ich beschlossen, dass das so nicht sein muss.

… Katja, du hast ein Buch geschrieben, das gerade erschienen ist: Okay, danke, ciao! Eine Geschichte über Freundschaft und Obdachlosigkeit. Wie kam es dazu?

2017 ist mir ein einsamer junger Mann in seinem dicken Parka auf einer Bank im Park aufgefallen, der sehr zurückgezogen, ja, psychotisch wirkte. Außer dem, was er trug, hatte er nichts.
Irgendwann habe ich ihn angesprochen. Er lag im Gras, und ich fragte: „Ist alles ok?“ Er bejahte und fragte mich nach einer Zigarette. Seitdem habe ich immer wieder bei ihm Halt gemacht und mich auf ihn eingelassen. Sein Name war Marc. 
Ich hatte beobachtet, dass sich Marc Essen aus Mülltonnen besorgte und Zigarettenkippen rauchte, die andere Leute weggeworfen hatten. Da habe ich beschlossen, dass das so nicht sein muss. 

Katja Hübner ist eine im Hamburger Schanzenviertel lebende und arbeitende Grafikerin und Buchautorin.


Ich habe mich verantwortlich gefühlt und ihn erstmal versorgt: Jeden Morgen habe ich Marc Frühstück gebracht, und abends, wenn ich von der Arbeit nach Hause ging, nahm ich für ihn eine Tüte mit Essen und Getränken, Schokolade und Obst mit. Das ging eine ganze Weile so, und er begann, mir zu vertrauen und auf mich zu warten. Nach und nach versuchte ich, mehr über ihn zu erfahren.

Wie kann man denn in Hamburg draußen überleben?

Marc saß immer auf dieser einen Bank an der Hundewiese. Dort fühlte er sich anscheinend sicher – zumindest habe ich mir das damals so zusammengereimt. In diesem Sommer hatte es in Hamburg ziemlich viel geregnet. Marc war nach ein paar Tagen völlig durchnässt. Das alles war natürlich ziemlich verrückt.
Nicht nur das: Als beispielsweise der G20-Gipfel war, saß er mitten im Schlachtfeld an der Schanze und ließ das einfach so geschehen.

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Für uns schwer vorstellbar, so ein Bruttonationalglück

Das größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier ist die alles überragende Herausforderung unserer Zeit, schreiben Sie, Herr Steffens, im Vorwort Ihres Buches über leben. Stellt sie die Unberechenbarkeiten des Klimawandels in den Schatten?

Ganz eindeutig ja, wobei es natürlich sinnlos wäre, eine Hitliste der Öko-Katastrophen zu erstellen. Die Naturkreisläufe – und das Klima ist ja einer davon – sind alle miteinander verzahnt und funktionieren zusammen als das eine und einzige Lebenserhaltungssystem des Raumschiffs Erde.

Dirk Steffens ist Wissenschaftsjournalist und Moderator der Dokumentationsreihe »Terra X«.
Fotografie: Markus Tedeskino

Wird der eine Kreislauf gestört beeinflusst das auch die anderen, so hat ja beispielsweise die Zerstörung von Wäldern einen direkten Einfluss auf das Klima, während gleichzeitig die Klimakrise das Artensterben beschleunigt. Allerdings ist der Klimawandel eben überhaupt nicht unberechenbar, sondern im Gegenteil exakt vorherzusagen. Biologische Systeme sind leider sehr viel prognoseresistenter. Keiner kann genau sagen, was wann passieren wird, wenn wir weiter 150 Arten pro Tag auslöschen. Sicher ist nur: Irgendwann wird ein Kipppunkt erreicht und dann bricht das irdische Lebenserhaltungssystem zusammen. Insofern ist die Klimakrise schon ein nachgeordnetes Problem, weil sie zwar in Frage stellt, wie wir leben, aber nicht, ob wir leben. Das ist beim Artensterben anders. Ohne eine ausreichend große Biodiversität könnte kein einziger Mensch auf diesem Planeten atmen, trinken, essen. Ohne Gletscher wäre aber immer noch eine, wenn auch stark eingeschränkte, menschliche Zivilisation möglich.

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Wenn nicht mehr gefrühstückt wird, ist das schlecht für die Zeitung

Herr Kaube, der freie Journalismus kämpft gerade an drei Fronten. Die Abkehr der jüngeren Generation vom Qualitätsjournalismus, Angriffe auf die Pressefreiheit weltweit und das Sterben des Geschäftsmodells, sich über Werbeeinnahmen zu finanzieren. Woraus ziehen Sie als Herausgeber einer der wichtigsten deutschen Tageszeitungen Ihre Motivation und auch Genugtuung?

Na ja, aus dem Kampf selber. Alle drei Herausforderungen sind interessante Aufgaben, die vielleicht ein bisschen miteinander zu tun haben, aber nicht strikt gekoppelt sind. Wenn wir einmal mit der jungen Generation anfangen, die eine Tageszeitung angeblich nicht mehr liest: 16-Jährige waren noch nie zentrale Abonnent*innen der FAZ. Für junge Leser*innen ist es wichtig, dass man auch die Redaktionen jung hält, damit man nicht übersieht, wofür sich junge Leute interessieren. Man sieht aber an der Konkurrenz, dass das nicht einfach ist. „Bento“ (das junge Magazin vom „Spiegel“, Anm. der Red.) beispielsweise wird runtergefahren. Es ist nicht einfach, durch Jugendlichkeit junge Leute anzuziehen. Das ist vielleicht auch ein Fehlschluss.

Dann wären wir beim zweiten Thema: Pressefreiheit und Fake News. Da bin ich eigentlich ganz gelassen. Man sollte sich da nicht verrückt machen lassen. Wir versuchen das mehr mit Durchdenken der Dinge. Klar, man verliert den einen oder anderen, der einem wütende Leserbriefe schreibt, man sei Vasall der Regierung Merkel … Gut, wer so denkt, ist eh falsch bei uns. Unsere Zeitung ist meinungsplural: Das, was der Politikteil sagt, was das Feuilleton sagt, was der Wirtschaftsteil sagt, wird nicht aufeinander abgestimmt. Ich erfahre, was die politischen Redakteur*innen schreiben, auch erst aus der Zeitung. 

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Es gibt Bücher aus der Vergangenheit, die für die Gegenwart wichtig sind

Herr Böhm, Herr Pfeiffer, wie kam es zum Verlag Das Kulturelle Gedächtnis? Welche Idee steckt dahinter?

Böhm: Es hat sich in den letzten Jahren im Verlagswesen eine Tendenz entwickelt, dass Bücher im Grunde nur dann gemacht werden, wenn im Vorhinein klar ist, dass sie eine bestimmte Mindestauflage erreichen. Solche Bücher, die so ein bisschen abseitige oder schwierige Themen behandeln, haben es schwerer, weil die Verkaufserwartung von Anfang an nicht da ist. Von den fünf Gründern unseres Verlags waren drei dabei, die in den letzten Jahren immer mal mit einem Projekt, das ihnen besonders am Herzen lag, gescheitert waren, weil die Verlage gesagt haben: „Das interessiert heute nicht mehr genug Menschen“. Ein Beispiel: Die Neuübersetzung von Voltaires „Der Fanatismus oder Mohammed“ würde – so die Verlage – niemanden interessieren. 

Carsten Pfeiffer und Thomas Böhm vom Verlag Das Kulturelle Gedächtnis
(Foto: Michael Jungblut, fotoetage)

Es kann aber nicht sein, dass das Erscheinen von Büchern einem Wirtschaftsdiktat unterliegt. Das war der Impuls, Bücher zu machen, die wir für den gesellschaftlichen Diskurs für notwendig erachten. Wir nehmen den wirtschaftlichen Druck raus, indem wir sagen: Wir lassen uns von unserer Leidenschaft fürs Büchermachen leiten. Wir machen das zusammen, haben keine Hierarchie und sind immer offen für neue Menschen, die an unserer Teilhabe-Idee Gefallen finden. Und keiner von uns nimmt irgendwelche Mittel aus dem Verlag heraus. Es bleibt alles drin, um die Kontinuität zu gewährleisten. Klar, auch wir müssen unsere Titel verkaufen, sonst können wir den Laden dichtmachen. Aber unsere Mindestauflage ist eben eine viel geringere.

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Wissen ist Macht

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist ein geflügeltes Wort antiken Ursprungs. Es ist eine bekannte Aussage des griechischen Philosophen Sokrates. Wissen ist der Bauplan für alles Denken und Handeln. Aber was bringt uns umfangreiches Wissen, wenn der Plan nicht aufgeht und wenn ein „Stück schlechte Neuigkeiten, eingewickelt in Protein“ – das Coronavirus – all unser Denken lähmt. 

Die sechste Ausgabe der Passion

In dieser Woche ist die sechste Ausgabe der Passion, des Kundenmagazins von BerlinDruck, erschienen. Darin wieder einmal ein breit gefächertes Angebot an lesenswerten Beiträgen und spannenden Interviews.

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